Die schiefe Frau

von Svenja Penzel

Svenjas ZeugBad Elster, im Oktober 2024

„Ein rohes Ei darf darunter nicht kaputtgehen“, sagt die Physiotherapeutin. Ich stehe neben meinem Krankenhausbett, stütze mich auf Gehhilfen und lerne, wie viel ich meinen linken Fuß belasten darf. Wir üben mit einer Waage. Zehn Kilo ist nicht viel. Vorsichtig mache ich die ersten Schritte. Mein linkes Knie wummert. Ich bin frisch operiert.

Zwei Tage vorher, bei uns daheim auf dem Hof. Könnte ich die Zeit nur um diese eine Sekunde zurückdrehen. Ein dummer unachtsamer Schritt, ein Sturz aufs Knie. Danach ist alles instabil, ich kann nicht mehr stehen. Das Röntgenbild und anschließende CT im Krankenhaus zeigt: ich habe mir den Schienbeinkopf gebrochen. Bei der OP wird der Bruch wieder gerichtet und mit einer Metallplatte und Schrauben fixiert.

Eine kleine Welt bricht zusammen, als mir der Arzt bei der Visite sagt, ich darf das Bein ganze sechs Wochen nicht belasten. Auf Gehstützen kann ich nicht nach Malawi. Die schöne Reise, auf die ich mich schon lange gefreut habe, fällt ins Wasser.

Nach fünf Tagen bin ich wieder zu Hause. Stehe mit den Gehstützen in unserer Küche und fühle mich total hilflos. Wieder kullern die Tränen. Wie soll das nur werden? Ich kann doch fast nichts machen! Die sechs Wochen scheinen mir unendlich lang.

Drei Wochen später. Ich bin vom vielen Stehen auf einem Bein schief, aber zuversichtlich. Mein rechtes Bein, meine Schultern und Oberarme leisten ganze Arbeit. Ich bin geschickter und erfinderischer geworden. Auch wenn ich ab und zu fluche, weil etwas nicht gelingt oder ewig dauert, bin ich hoffnungsvoll. Und für vieles dankbar. Dass ich Treppen schaffe. Dass ich im Haushalt, wenn auch langsam, doch so einiges erledigen kann. Dass es mit dem Autofahren klappt (Automatik sei Dank). Dass ich es sogar zu Fuß bis zu unserem Büro schaffe. Dass meine Physiotherapeutin bei der Lymphdrainage kleine Wunder bewirkt. Dass ich nachts wieder besser schlafen kann. Und dass sich die Stunden im Büro fast so anfühlen, als wäre nichts geschehen. Mit dem hochgelegten Bein unter meinem Schreibtisch kann ich gut arbeiten, und der Kontakt zu meinen Kollegen hilft mir sehr. So vergeht die Zeit.

Ich will geduldig sein und nicht mehr hadern, es hilft ja nichts. Und es gibt sogar kleine Sternstunden. So konnte ich trotz meiner Einschränkung ein Konzert erleben, bei dem ich vom Management der Freiheitshalle in Hof einen Rollstuhl zur Verfügung gestellt bekam. In meinen gebuchten Sitzplatz hätte ich nämlich wegen meines noch recht steifen Beines nicht gepasst. So saß ich glücklich zwischen anderen Rollstuhlfahrern. Anders als diese konnte ich aber am Ende der Vorstellung den Rollstuhl wieder abgeben und auf meine Gehstützen umsteigen. Es ist alles relativ.

Endlich sind die sechs Wochen um. Ich schaue zusammen mit dem Orthopäden auf mein Röntgenbild. Mein Schienbeinkopf ist durchbohrt von mehreren langen Schrauben. „Das sieht sehr gut aus. Der Kollege hat gute Arbeit geleistet“ sagt er. „Der Knochen ist fest. Jetzt hören Sie auf, sich zu schonen!“ Ich soll das linke Bein zunächst mit 30 Kilo belasten und dann weiter steigern. Das ist ungewohnt, und ich erwische mich immer wieder in der lang geübten Schonhaltung. Aber die Belastung tut nicht weh – wenn auch das Knie bei Übungen wie Radfahren in der Luft noch arg knirscht. Allmählich schwindet die Angst. Vielleicht kann ich schon in ein paar Wochen die Gehstützen zur Seite legen (am liebsten würde ich sie mit Schwung über eine Klippe schmeißen). Zwei Jahre soll das Metall in meinem Körper bleiben. Meine Verletzung heilt hoffentlich komplett ab. Und die Malawi-Reise lässt sich nachholen. Wenn es bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen dann bei mir piept, ziehe ich das Röntgenbild heraus.

3 Kommentare

Mechthild Recke-Powollik

22.11.2024 um 12:47

Oh, ich bin auch durch diese harte Schule gegangen. Es dauert einfach seine Zeit (neues Knie bei mir). Nach der OP im Dezember bin ich im Folgejahr September nach Malawi und habe halt die Wanderung im Mulanje-Gebirge ausgelassen. Geduld ist angesagt und in diesem Jahr bin ich einfach noch mit einem guten Personal-Training angefangen und das hat noch "Reste"beseitigt - eben dassbeide Knie wieder gleich belastbar werden. Das zahle ich privat, da in der CH versichert. Sie können dann einfach in einem guten Fitness den von der Krankenkasse bezahlten Reha-Sport machen.
Soweit erst mal gute Besserung....
Mechthild Recke

Antwort von Outback-Africa

Liebe Frau Recke, vielen Dank für Ihre Genesungswünsche und den Einblick in Ihre eigene Knie-Geschichte. Das mit dem Personal-Training finde ich sehr motivierend. Das könnte für mich auch ein Weg sein.
Auch Ihnen alles Gute und herzliche Grüße, Svenja Penzel

Annette

21.11.2024 um 06:46

Liebe Svenja, unter der Sonne Thailands mit seinen wunderbaren Menschen und der sagenhaften Natur, den spektakulären Sonnenuntergängen und den wahnsinnig intensiven Gerüchen und Geschmacksrichtungen lese ich nun Deinen Blogeintrag. Wie stark wir werden können (und müssen)durch manches schicksalhafte Ereignis…Du schaffst das!
Und oft denke ich an unsere durchkreuzten Reisepläne nach Afrika. Noch alle nicht sind diese auf Eis gelegt und beschäftigen uns!
Die Erinnerung an unsere erste Reise hierher (der selbe Ort, das gleiche Hotel…trotz Tsunami)ließ uns hier landen, um unsere Silberhochzeitsreise (von vor 2 Jahren) nachzuholen. Da 2022 gesundheitlich und beruflich bei mir alles auf „ links“ gedreht wurde und seitdem es wieder mit neuer Sicht-und Denkweise voran geht…wie stark man doch sein kann!
In diesem Sinne…(übrigens…meine neue Hüfte hat am Flughafen keinen Ton von sich gegeben????)
Fühl Dich gedrückt und bis bald

Antwort von Outback-Africa

Liebe Annette, danke für deine persönlichen Worte und den Schub, den du mir damit gibst. Ich denke, den größten Teil des Tals habe ich nun durchwandert, aber ich brauche trotzdem noch viel Geduld. Euch eine schöne Zeit in Thailand, genießt es! Liebe Grüße von Svenja

Caspar

21.11.2024 um 00:07

Liebe Svenja,
was für eine Geschichte! Oh mein Gott, du Arme! Gut gemacht, dass du dich so schnell erholt hast. Vielen Dank, dass du uns von deinem Erlebnis erzählt hast, und wir freuen uns schon darauf, dass du voller Zuversicht deine nächste Reise nach Malawi planst!

Antwort von Outback-Africa

Danke Caspar, so ganz erholt bin ich noch nicht, aber zuversichtlich. Nächstes Jahr hole ich die Malawi-Reise auf jeden Fall nach! Liebe Grüße von Svenja