Tatort Sofa

von Svenja Penzel

Svenjas ZeugSamstagvormittag, die Sonne scheint, es ist frühlingshaft warm. Wir stehen auf dem großen freien Platz vor der Frauenkirche in Dresden. Ein Seifenblasenkünstler zaubert ein Kaleidoskop an schillernden Blasen, die sich über den Platz verteilen, Kinder springen und greifen danach, unsere zwei mittendrin. Auf einem kleinen Holzpodest steht ein Klavier, jemand spielt Rachmaninoffs Prelude Opus 23 Nr. 5, es ist wie ein kleiner Traum. Ich bin glücklich. Wir sind mit der Familie für drei Tage nach Dresden gefahren, ein kurzer Urlaub am Ende der Osterferien. Es ist für uns, die wir auf dem Land wohnen, immer etwas Besonderes, in eine große Stadt zu fahren. Und Dresden ist toll (außer montags, aber da waren wir ja schon wieder weg). Unsere beiden sind mit acht und zehn Jahren nun auch alt genug, um schon mal das eine oder andere Museum zu betreten, sich mit einem Kinder-Audioguide (schönes Wort) das Grüne Gewölbe zu erschließen und die gut gemachten Kinderabteilungen des Hygienemuseums und des Verkehrsmuseums zu erkunden. Wir laufen durch die Innenstadt, durch die Prager Straße, zum Bahnhof, durch Läden, in Restaurants, zu Straßenbahnhaltestellen, laufen zu unserer Herberge in der Neustadt, laufen bis uns die Füße wehtun.

Am Abend des dritten Tages, zurück zu Hause, sind wir platt. Nun noch schnell die Ranzen gepackt, die Kinder ins Bett gebracht und ab aufs Sofa für den gemütlichen Teil des Abends. Mal wieder Tatort gucken mit Marco. Ich gönne mir das nicht oft, weil meist noch etwas im Haushalt gemacht werden muss, aber heute kommt der Tatort aus München mit Leitmayr und Batic, die mag ich. Also Erdnüsse und Wein auf den Couchtisch, Füße hoch, und schon ertönt die bekannte Melodie des Vorspanns. Ich lehne mich entspannt zurück. Die Handlung ist komisch. Nach zehn Minuten habe ich den Faden verloren. Marco versucht noch eine Zeitlang, mich mit Erklärungen wieder auf die Spur zu bringen. Doch ich verstehe immer weniger, werfe die Charaktere durcheinander und höre irgendwann auf, Fragen zu stellen. Die Bilder und Dialoge rauschen an mir vorbei. Ich begnüge mich damit, die Erdnüsse lecker und den Wein sehr gut zu finden, unser Sofa gemütlich und Marcos Schulter ein brauchbares Kopfkissen. Ich muss dann wohl eingeduselt sein.Als mich der Abspann wieder aufweckt und Marco mich schelmisch anstupst, ärgere ich mich kurz darüber, dass der Tatort normalen sonntagsmüden Menschen zu viel abverlangt. Ihn zu gucken war eigentlich sinnlos. „Hast Du alles kapiert?“ frage ich Marco. Er überlegt kurz, schaut mich an, grinst: „nicht vollständig“. Das ist gut zu wissen. Ich bin nicht allein. Und ich bin sicher, es gibt deutschlandweit ganze Heerscharen von Leuten, denen es so geht wie uns. Und die am nächsten Sonntag trotzdem hoffnungsvoll wieder einschalten. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und der Glaube daran, dass der nächste Tatort besser wird, ist nicht totzukriegen.

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