Mit eigenen Augen

von Svenja Penzel

Svenjas ZeugOkavango-Delta, Botswana, November 2016. Es ist heiß, der Regen hat noch nicht eingesetzt. Wir sitzen im offenen Pirschfahrzeug, das zum Glück ein Schattendach hat. Der Guide steuert auf einen großen Baobab zu, der schon grüne Blätter treibt. Ein Funkspruch seines Kollegen hat ihn hierher geführt. Noch ein, zwei Bäume hinter dem Baobab ist die Stelle. Wir bleiben stehen, die ersten Ahs und Ohs erklingen. Drei große Teleobjektive erheben sich synchron. Der Guide hat wohl wissend das Fahrzeug so positioniert, dass die Besitzer der drei langen Objektive, sie sitzen alle linksaußen, die beste Sicht haben. Auf einem Ast döst ein Leopard. Er hebt träge den Kopf, was ein Gewitter an Auslöser-Klicken zur Folge hat. Ich studiere derweil die Rosetten im Fell des Leoparden durch mein Fernglas und genieße still mein Pirsch-Glück.

Zugegeben, es fühlt sich zunächst etwas komisch an. Und es war keine leichte Entscheidung. Zum ersten Mal habe ich den Fotorucksack zu Hause gelassen. Ich reise ohne Kamera, ohne die drei oder vier Objektive, das viele Zubehör, das „Geraffel“. Und das mit voller Rückendeckung meines Mannes Marco, der ein leidenschaftlicher und ambitionierter Fotograf ist. Nein, ich brauche keine Nahaufnahmen von Tieren mitzubringen. Unsere Bilddatenbank bei Outback Africa ist mit solchen Motiven gut gefüllt – Marco, unseren Mitarbeitern und Kunden sei Dank. Für Schnappschüsse, Landschaftsaufnahmen, Innenaufnahmen von Lodges, Gruppenfotos und Details ist auch meine Handykamera gut genug. Beispiele gibt es hier in meinem Facebook-Album. Oft genug, gerade bei Inforeisen mit größeren Gruppen oder eng besetzten Fahrzeugen, hat mich in der Vergangenheit mein Fotorucksack auf den Afrikareisen genervt. Er war irgendwie sperrig und immer im Weg. Auch habe ich aus dem Potential dessen, was die „richtige“ Kamera bietet, nur einen winzigen Bruchteil genutzt. Und war am Ende oft genug mit meinen eigenen Aufnahmen nicht mal allzu glücklich.

Ich bin kein Fotograf und werde auch nie einer sein. Ich muss aber auch nicht jedes Motiv in Bildern festhalten. Ich brauche nur zurückzudenken an die sonnendurchfluteten Tage, die wunderbaren Farben, den Geruch des wilden Salbei im Delta, die Seerosen im glitzernden Wasser, die weite Landschaft, das gelbe Gras, die hingetupften Wolken, die Dunstschleier am Morgen, die malerischen Sonnenuntergänge, die guten Gespräche, die herzlichen Umarmungen und unser gemeinsames Lachen. Interessanterweise habe ich vom schönsten Samstagnachmittag der Tour, an dem wir Blödsinn bis zum Abwinken im Wasser des Okavango machten, fast keine eigenen Fotos. Und doch ist die Erinnerung daran besonders lebendig.

Zwei Wochen nach der Leoparden-Sichtung zeigt einer meiner Mitreisenden aus der Linksaußen-Fraktion auf seiner Facebook-Seite herrliche Nahaufnahmen vom Kopf des Tieres. Und das Gute ist: Ich freue mich einfach nur daran und gönne es ihm von Herzen.

Ob ich es wieder tun werde? Verlockend ist es schon. Vielleicht hat mich auch der eine oder andere Mitreisende um meine selbstgewählte Freiheit beneidet. Die Linksaußen-Fraktion mal ausgenommen. Doch vielleicht habe ich auf dieser Reise einiges mit anderen Augen gesehen. Nicht nur durch die Linse. Sondern mit dem Herzen. Wie singt es Silbermond so treffend: Es reist sich besser mit leichtem Gepäck.

2 Kommentare

Barbara Volmer

23.12.2016 um 17:05

Hallo Frau Penzel, Sie sollten Ihren Artikel eigentlich mit dem Titel "Mit eigenen Augen" überschreiben, ich das trifft es meiner Ansicht nach viel besser.
Seit langem nehme ich auf Reisen in Afrika keinen Fotoapparat mehr mit und empfinde das als Luxus. Ich muss nicht dokumentieren, was ich alles gesehen habe und kann mich ganz auf die jeweilige Situation konzentrieren. Ein Foto zeigt ohnehin nur einen kleinen visuellen Aspekt des Eindrucks oder Erlebnisses. Auch die Geräusche Afrikas sind für mich etwas Besonderes.
Oft habe ich den Eindruck, dass den Fotografen, die fast immer nur durch das Objektiv auf etwas schauen, entgeht, wie besonders die gesamte Situation gerade ist. Abgelenkt durch Entscheidungen, welches Objekt wann am besten einzusetzen ist. Zudem finde ich das Auslöse-Klacken der Apparate mehr als störend.
Also ich bevorzuge weiter das fotofreie, mit den eigenen Augen dokumentierte Reisen. Diese Erinnerungen sind als 'Gesamtpaket' fest im Kopf und jederzeit abrufbar.
Frohe Weihnacht Ihnen allen.

Antwort von Outback-Africa

Liebe Frau Volmer,
Ihr Kommentar zu "Svenjas Zeug" hat mich sehr gefreut. Und ich habe Ihren Rat soeben beherzigt und den Titel umbenannt.
Frohe Weihnachten!
Herzliche Grüße
Svenja Penzel

Petra Mäder-Böttger

23.12.2016 um 13:20

Auch ich reise nur mit einer Panasonic TZ 61, passt in jede Hosentasche, macht ganz ordentliche Fotos, belastet nicht und ist immer griffbereit. Meinen ersten Geparden habe ich in der Zentralkalahari nur mit dem Fernglas "verfolgt". Dieser Film, welcher nur in meinem Gedächtnis existiert, läuft noch heute immer wieder vor meinen Augen ab. Ist jedes mal erneut ein tolles Erlebnis für mich. Deswegen kann ich Dich nur dazu ermutigen, leiste Dir in Zukunft den Luxus nur mit kleinem Gepäck zu verreisen. Es ist sehr befreiend, werden wir im Januar auf unserer Kenia Tour wieder so machen.