Zu Besuch bei den Massai in Olpopongi

von Susanne Schlesinger

Meru View Lodge, Usa River, 19.09.2015

Mein Auftrag lautete: „Schau dir doch mal Olpopongi an“. Wir haben das „Olpopongi Maasai Village“ in einigen Reisen als festen Programmpunkt und als optionalen Tagesausflug von den Lodges in und um Arusha im Programm. Die Massai sind in Tansania allgegenwärtig und das Gesicht des Landes. Das liegt an der traditionellen Kleidung und der besonderen Lebensweise, die wir Europäer sehr mit Afrika assoziieren. Speziell im Kilimanjaro- und Ngorongoro-Gebiet gibt es einige „Schaudörfer“, ebenso sieht man oft typisch gekleidete Jungen am Straßenrand, die für einige Dollar traditionelle Tänze aufführen und sich fotografieren lassen.

Mir persönlich bereitet so etwas immer Unbehagen. Ist es nicht eine Zuschaustellung einer fremden Kultur für Geld oder ein Kuriositätenkabinett wie auf einem Jahrmarkt? Wird den Touristen etwas vorgegaukelt und eine Show geboten, die nichts mit dem realen Leben der Menschen zu tun hat? Gibt’s irgendwo eine Umkleidekabine und einen versteckten Mitarbeiterparkplatz und hat die typische Massai-Kleidung eine Tasche fürs Handy?

Olpopongi ist anders - das versprechen die Prospekte und die Website. Ich erhalte außerdem eine E-mail von Franziska, einer deutschen Mitarbeiterin des Organisationsbüros. Sie teilt mir mit, dass sie sich freut, mich dort zu treffen.Den Ausflug unternehme ich zusammen mit zwei tansanischen Mitarbeiterinnen der Meru View Lodge und unseres Partners Wilkinson Tours. Es sind rund zwei Stunden Fahrt, erst in Richtung Moshi und dann am Fuß des Kilimanjaro-Massivs entlang nach Tinga-Tinga auf einer unbefestigten Straße. In der Regenzeit hat das Wasser tiefe Gräben ins Erdreich gespült. Nun in der Trockenzeit wirkt das Land wie eine Mondlandschaft, und das Gras und die Bäume sind verdorrt. Trotzdem streifen einige Giraffen und Antilopen umher und wir sehen auch Kuh- und Ziegenherden. Die dazugehörenden Massai sind in der weiten Ebene gut an ihren roten Tüchern zu erkennen.

Willkommen bei den Massai

Wir erreichen das Dorf, das aus Lehmhütten und einem Zaun aus Dornenzweigen besteht. Die Massai erwarten uns bereits und begrüßen uns mit traditionellem Gesang und Tanz. Die vier Männer und sechs Frauen tragen die traditionelle Kleidung. Die Frauen haben große Halsreifen aus Perlen angelegt, die im Rhythmus auf und nieder wippen.

Danach werden wir durch das Tor ins Dorf geleitet und mit Handschlag begrüßt. Bei einem weiteren Tanz zeigen die Männer die traditionellen Sprünge, bei denen sich besonders die beiden jüngeren Massai mit den blauen Tüchern und langen Zöpfen mächtig ins Zeug legen.

Freddy, unser Guide, geht mit mir noch einmal zum Tor hinaus. Zwei Giraffen knabbern unweit des Dorfes ungerührt an den Bäumen. Danach schauen wir uns die Anlage an, bevor wir eine Einführung in die Geschichte und Lebensweise der Massai bekommen.Olpopongi ist nach einer Euphorbie benannt, einem Wolfsmilchgewächs, das wie eine Mischung aus Baum und Kaktus aussieht und giftig ist. Trotzdem verwenden die Massai die stabilen Zweige in den Dachkonstruktionen ihrer Hütten, denn das Gift hält Schädlinge fern. Die Dachbalken sind der einzige Teil des Hauses, für den die Männer zuständig sind. Alles andere bauen die Frauen und es kann bis zu einem Jahr dauern, bis ein Haus fertig ist. In den Dörfern hat jede Frau mit ihren Kindern ein Haus, der Mann pendelt also zwischen den Häusern, wenn er mehrere Frauen hat.

Die Häuser im Dorf sind kreisförmig angeordnet, in der Mitte ist ein freier, umzäunter Platz. In einem normalen Massaidorf würden hier Ziegen und Kühe die Nacht verbringen. Da man in Olpopongi in den Hütten auch übernachten kann, dient der Platz hier als Grillplatz mit Lagerfeuer und Bänken. Aus hygienischen Gründen werden die Tiere nicht hereingetrieben. Ebenso wurden richtige Toiletten und eine Dusche für die Gäste installiert. Der deutsche Einfluss lässt sich auch an den Wasserhähnen und an der Beschriftung der Mülleimer unschwer erkennen.

In einer Ausstellung, die mich stark an die Afrikasammlung des Überseemuseums in Bremen erinnert, hält Freddy uns nun einen Vortrag über die Lebensweise der Massai und ermutigt uns, auch Fragen zu stellen. Es ist schwer, sein Alter zu schätzen. Seiner Kleidung nach, die seinen aktuellen Status als „Senior Warrior“ widerspiegelt, muss er über 30 Jahre alt sein. Er hat vier Frauen und zehn Kinder. Freddy ist nicht sein traditioneller Massai-Name, sondern ein Name, den er in der Schule in Arusha bekommen hat. Er ist auch getauft. Offenbar ist das für die Massai kein Widerspruch zu der polygamen Lebensweise. Sowohl die weiterführende Schulbildung als auch die Taufe sind eher die Ausnahme, die meisten Massai glauben an Naturgötter und viele haben, wenn überhaupt, nur die Grundschule besucht.

No cows - no life!

Bei Freddys Vortrag wird schnell klar, dass sich das ganze Leben der Massai um das Vieh dreht. Als Nomadenvolk bildet es die Lebensgrundlage und ist gleichzeitig Nahrungsquelle, Zahlungsmittel und Statussymbol. Die Hauptnahrung bestand in früheren Zeiten ausschließlich aus Fleisch, Milch und Blut. Erst durch den Bau von festen Häusern und den Übergang zum semi-nomaden Lebensstil fanden Gemüse, Reis, Mais und auch Eier Eingang in die Nahrung der Massai.Während die Frauen im Dorf bleiben und sich um alles kümmern, ziehen die erwachsenen Männer oft monatelang mit den Viehherden durch die Savanne, immer auf der Suche nach Gras und Wasser.

Treffen sich Massai, so ist die erste Frage: „Wie ist das Gras bei euch?“ Kühe und Ziegen sind auch Zahlungsmittel unter den Massai - so wird zum Beispiel der Brautpreis an die Familie des Mädchens in Form von Vieh gezahlt.Freddy gibt sich wirklich Mühe, die traditionelle Lebensweise anschaulich zu erklären und in gewisser Weise auch zu verteidigen. Für mich als Europäerin sind viele Dinge nicht so nachvollziehbar und teilweise sehr eindimensional. Nach Freddys Darstellung sind alle Massai zu 100% Prozent glücklich mit den Traditionen und möchten diesen Lebensstil unbedingt beibehalten.

Die jüngeren Massai, die eine Schule besuchen, kommen jedoch sicher nicht alle wieder zurück. Es ist wohl eher Wunschdenken.Solange die Massai einen Job haben und Geld nach Hause schicken, um Kühe zu kaufen, wird auch ein Leben in der Stadt toleriert. In Lodges wie der Endoro Lodge trifft man auf Massai, die als Wächter und Kofferträger arbeiten. Besser gebildete Massai haben Jobs in der Stadt.

Was aber, wenn die jüngere Generation aus dem traditionellen Leben ausbrechen will? Noch leben die Massai in der Mehrheit auf traditionelle Weise, jedoch werden die Flächen für das Vieh immer kleiner und der Einfluss der modernen Welt immer größer. Wie bei den Ovahimba in Namibia oder den Buschleuten in Botswana findet eine gewisse Vermarktung der Kultur statt. Eine Abschottung führt zu noch mehr Konflikten, als durch die nomadische Lebensweise ohnehin bereits entstehen.

Die Massai betrachten jedes Land, das nicht eingezäunt ist, als Weidefläche für ihr Vieh. Der Schutz von Wildtieren ist dabei nicht vorgesehen - die Massai jagen offiziell keine Wildtiere, außer ihr Vieh wird von Raubtieren angegriffen. Die Einrichtung von Nationalparks war und ist deshalb für die Massai ein großer Verlust an Weideland und damit auch an Kühen. Nicht alle halten sich an die Nationalparkgrenzen - wer es sich leisten kann, zahlt einfach die Strafe, wenn sie von den Rangern erwischt werden.

Die Massai wandern auch zwischen Tansania und Kenia hin und her. Einen Reisepass haben die wenigsten von ihnen.Hinzu kommt, dass die jüngeren Massai kaum eigene Entscheidungen fällen dürfen, bis sie selbst Kinder haben. Alles wird von den älteren geregelt und vorgeschrieben. Die Heirat der Kinder wird bereits vor der Geburt des Kindes vereinbart. Oft werden junge Frauen mit älteren Männern verheiratet, weil diese den Brautpreis bezahlen können und weil die ersten Frauen älter werden und Unterstützung bei den täglichen Arbeiten brauchen. Zum Beispiel hat ein reicher Massai in der Nähe von Karatu 40 Frauen und über 100 Kinder. Sie haben sogar eine eigene Grundschule.

Freddy hat sich wirklich Mühe gegeben, alle Fragen zu beantworten. Sehr angenehm wird das für ihn nicht immer sein, so ins Kreuzverhör genommen zu werden. Andererseits ist es für die Besucher eine einmalige Gelegenheit, Informationen aus erster Hand zu bekommen. Olpopongi ist schon etwas Besonderes. In anderen „Schaudörfern“ bekommen die Besucher nicht so detaillierte Erklärungen.

Zum Mittagessen hätten wir nun eigentlich Fleisch, Milch und Blut erwartet, aber es gibt Gemüse, Teigtaschen und Wassermelone, alles sehr lecker. Während die anderen zu einer Buschwanderung aufbrechen, habe ich Zeit, mich mit Franziska zu unterhalten. Sie arbeitet im Organisationsbüro von Tom Kunkler, einem Deutschen, der schon viele Jahre hier in Tansania lebt. Tom ist Buchautor, importiert Campingartikel, organisiert regelmäßig Reisemessen und betreut auch Olpopongi. Franziska schaut einmal im Monat hier vorbei und kümmert sich im Büro ansonsten um Anfragen und Buchungen.
 

Heute sei es sehr ruhig, meint sie. Wochentags ist mehr los - Olpopongi ist auch bei einheimischen Schulklassen sehr beliebt. In der Hochsaison übernachten hier fast täglich Besucher. Wenn es sich lohnt, wird dann auch eine Ziege geschlachtet. Wer möchte, kann dabei zusehen. Franziska gibt zu, dass die Massai-Männer sie nicht wirklich ernst nehmen, wenn es um Kritik oder Verbesserungen geht. Dafür gibt’s einen männlichen Kollegen, der außerdem Tansanier ist und „Maa-Sprache“, die Sprache der Massai, beherrscht.

Die anderen kommen zurück und nun führen die jungen Krieger das Feuermachen vor. Sie amüsieren sich über die Fotos, die ich dabei gemacht habe. Für einen Moment sind sie keine stolzen Krieger, sondern ganz normale junge Männer, die zusammen Spaß haben. Ich habe im Rucksack noch einige gestrickte Puppen und gebe sie den Frauen für die kleinen Kinder. Sie freuen sich sichtlich darüber.

 

Tee mit Großmutter Bibi

Zum Abschluss des Besuches trinken wir noch Tee mit Großmutter Bibi. Sie ist der heimliche Star von Olpopongi und wahrscheinlich die einzige Massai Tansanias und Kenias mit eigener Postkarte. Bibi kocht für uns einen Tee aus Roibusch und Milch in ihrer Hütte. Sie ist 94 Jahre alt und ihr Mann ist schon vor langer Zeit gestorben. Da Frauen nach dem Tod des Mannes nicht wieder heiraten dürfen, lebt sie in der Gemeinschaft und genießt durch ihr Alter ein hohes Ansehen.Trotz ihrer vielen arbeitsreichen Lebensjahre wirkt sie agil und interessiert sich für jeden Besucher. Ihre Lehmhütte ist karg, es gibt keine Möbel, nur ein paar Zweige und Decken als Bett. Es ist ihr Leben, sie kennt es nicht anders und ist glücklich und zufrieden. Die Touristen sind ihr tägliches Unterhaltungsprogramm.

Wir verabschieden uns und natürlich gibt es eine Spende in die „Tip-Box“. Auf der Rückfahrt sind die beiden tansanischen Kolleginnen und ich uns einig, dass wir so nicht leben könnten. Trotzdem fand ich den Besuch sehr interessant und auch empfehlenswert, eben weil die Möglichkeit besteht, sich mit der Massai-Kultur abseits von Klischee und Show-Vorführung auseinanderzusetzen.Es ist vielleicht nicht verständlich für uns, aber vermutlich wären das viele Dinge, die bei uns Tradition sind, für die Massai auch nicht. Neben den authentischen Gebäuden (mal von den nicht-authentischen Duschen und WCs abgesehen) fand ich die Möglichkeit, Fragen zu stellen und die Kultur greifbar zu erleben, sehr aufschlussreich.

Übrigens lebt in Olpopongi eine Familie fest in dem Dorf, die anderen in ähnlichen Hütten in der näheren Umgebung. Es gibt also keinen Umkleideraum oder Parkplatz. Nur bei der Frage nach dem Mobiltelefon lächelt Freddy verschmitzt.

Olpopongi ist fester Bestandteil unserer Reisen "Löwen, Land und Leute"  und "Tansania Familienreise", kann aber auf Wunsch als Tagesausflug oder mit Übernachtung zusätzlich zu allen unseren Tansania-Programmen gebucht werden.Weitere Informationen und ein Video zu Olpopongi gibt es hier auf der Website.

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