Pirschfahrt im Ngorongoro-Krater

von Susanne Schlesinger

Karatu, 25.09.2015

Den Ngorongoro-Krater nannte der berühmte Tierforscher Bernhard Grzimek das „achte Weltwunder“. Tatsächlich findet sich hier auf einer Fläche von rund 26.400 Hektar eine große Dichte fast aller in Tansania vertretenen Tierarten. Der Name leitet sich aus der Massai-Sprache ab und bedeutet frei übersetzt „Geschenk des Lebens“. Geologisch handelt es sich um eine Caldera, also einen eingestürzten Vulkankrater, an dessen Boden sich eine Savannenlandschaft mit Seen und weiten Ebenen gebildet hat, die von einem Ring aus Bergen eingeschlossen ist.Für jeden Tansaniabesucher ist der Ngorongoro-Krater ein echtes Muss und es herrscht entsprechend viel Verkehr.

Wir haben vier Stunden Zeit, dann müssen wir den Krater wieder verlassen haben. Die Nationalparkbehörden kontrollieren das mit Hilfe von Kameras an den Zu- und Ausfahrten. Um 18 Uhr ist Feierabend. Wer bis dahin nicht aus dem Krater ausgefahren ist, darf mit einer saftigen Strafe rechnen. Es gibt zwei Wege in den Krater hinein - eine breitere Piste, die sich die rund 500 Höhenmeter entlang der Bergflanke hinunter windet und auch als Ausfahrt dient. Eine weitere, steile Zufahrt liegt weiter im Osten und wird hauptsächlich von der Ngorongoro Sopa Lodge genutzt wird, die eine exponierte Lage am Ostrand des Kraters hat. Als Ausfahrt dient außerdem eine sehr steile Einbahnstraße südlich des Lake Magadi. Diese erfordert einen starken Motor und Allradantrieb.

Die Fahrt von der rund 2300 Meter hohen Kante hinunter zum Kraterboden ist beeindruckend. Da hier wie überall in Tansania Linksverkehr herrscht, blickt man als Beifahrer an den steilen Hängen in den Abgrund. Einige Palmen und Büsche schaffen es trotzdem, hier Halt zu finden. Der Weg mäandert sich hinunter, vor uns sehen wir einige andere Fahrzeuge. Die meisten kommen mit ihren Gästen aus Karatu, außerhalb des Ngorongoro-Schutzgebiets, wo viele Unterkünfte in allen Preisklassen bereitstehen. Es gibt auch einige Lodges oben am Kraterrand wie die Ngorongoro Sopa Lodge, die Serena Lodge, die Wildlife Lodge oder auch die luxuriöse Ngorongoro Crater Lodge, die einen spektakulären Blick in den Krater haben und sich diesen auch gut bezahlen lassen.

Unten angekommen erstreckt sich vor uns eine weite, fast baumlose Ebene. Der Horizont flimmert in der Hitze der Mittagssonne. Unser Adlerauge Erick erspäht im Dunst einen dunklen Fleck, ein Nashorn. Diese Beobachtung hat echten Seltenheitswert, denn es gibt hier nur insgesamt 15 Nashörner und die tarnen sich in dem dunklen Gestein sehr gut. Mithilfe des starken Kamerazooms gelingen tatsächlich einige Fotos, die Ericks Beobachtung beweisen. Später werden wir noch eins zu sehen bekommen, allerdings auch sehr weit entfernt. Ein Rudel Warzenschweine sucht nach etwas Fressbarem, Zebras, Gnus, Thomson-Gazellen und ein Kronenkranich lassen sich kaum stören.

Nach einem Fotostopp für ein dösendes Hyänenrudel will plötzlich unser Auto nicht mehr anspringen. Erick muss das schützende Gefährt verlassen und es stellt sich heraus, dass die Motorhaube lose ist und deshalb den Batteriekontakt unterbricht. Erick gibt alles, um die Haube zu schließen. Die Hyänen sind zum Glück träge und blinzeln nur einmal kurz herüber. Der Motor springt an, wir fahren weiter. Plötzlich fällt Erick auf, dass seine Sonnenbrille verschwunden ist - er hatte sie vorn in den Kühlergrill gehängt. Also wieder raus aus dem Wagen. Die Brille hängt tatsächlich noch am Grill und wird unter großem Hallo wieder aufgesetzt.

Wir sehen noch zwei Löwinnen, die gut getarnt im hohen gelben Gras liegen. Die Löwenpopulation im Ngorongoro-Krater bereitet den Tierschützern große Sorgen. Während andere Tiere über Pfade und die Zufahrten in den Krater hinein- und herauswandern, werden die Löwen von den Massai, die ihr Vieh auf den Außenhängen des Kraters weiden lassen, daran gehindert, den Krater zu verlassen. Damit findet kein genetischer Austausch mehr statt, die Löwen paaren sich nur noch untereinander. Mit nur rund 50 Tieren ist der Genpool sehr begrenzt. Viele der Löwen sind durch Inzucht zeugungsunfähig oder anfällig für Infektionen. Durch Aufklärungsarbeit und sichere Wanderpfade hinein in die Serengeti versucht man nun, wieder mehr Austausch zu fördern, denn die Löwen sind für das biologische Gleichgewicht im Krater von großer Bedeutung.

Am Lake Magadi machen wir Rast (wie alle anderen auch). Wir genießen unser Lunchpaket auf Anraten von Erick im Auto. Es sind viele Raubvögel unterwegs, die auch gern mal zur Abwechslung ein Brötchen stibitzen.Die Gäste der Crater Lodge bekommen ihr Mittagessen an weiß gedeckten Tischen auf Porzellan und mit Champagner und dürfen sich von den Insassen der anderen Safarifahrzeuge begaffen lassen, die unweigerlich hier vorbeifahren müssen. Nach dem Essen genießen wir ganz ohne Standesunterschiede den schönen Ausblick auf den See und schauen den Flusspferden zu, die sich im flachen Wasser tummeln oder am Ufer einen Mittagsschlaf halten. Erick repariert derweil die Motorhaube zusammen mit einem Kollegen mit Hilfe meiner Gummiwäscheleine.Unsere Zeit ist fast abgelaufen, wir müssen den Krater verlassen, um pünktlich oben an der Ausfahrt zu sein.

Wir nehmen die „Adventurous route“, also die steile Ausfahrt südlich des Lake Magadi und treffen auf ein Safarifahrzeug, dass am Berg hängengeblieben ist. Erick findet ein paar passende Schimpfworte, wir können aber nicht weiterhelfen. Das Fahrzeug kann nur zurück zum Kraterboden, einmal quer durchfahren und die breite, flachere Ausfahrt auf der anderen Seite nehmen. Das gibt eine schöne Geldstrafe. Unser Auto klettert die Serpentinen hinauf und nach einem letzten Blick in den Krater machen wir uns auf den Weg zur Endoro Lodge, um uns den Safaristaub abzuduschen und eine Runde im Pool zu schwimmen.

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