Auf der Spur der Kaffeebohnen

von Susanne Schlesinger

Arusha, 9. Juli 2014
Ein Kilogramm Kaffee besteht aus rund 3500 Kaffeebohnen. Es gibt sie von hellbraun bis fast schwarz, matt und glänzend, groß oder eher klein. In Tansania, einem der Anbauländer für guten Kaffee, bin ich der Spur der Kaffeebohnen gefolgt und habe an einer Kaffeetour teilgenommen. Sie wird von der African View Lodge für die Gäste angeboten. Als bekennende Kaffeetrinkerin wollte ich natürlich auch einmal selbst Kaffee pflücken, bei der Verarbeitung der Kaffeebohnen zusehen und mehr über das „Schwarze Gold“ erfahren.

Direkt vor dem Tor der Lodge geht es los. Der Weg beträgt komplett rund zehn Kilometer, es besteht aber die Möglichkeit, auch nur verkürzt zu laufen. Unterwegs gibt es immer wieder Stopps und wir bekommen auch Infos zu anderen Pflanzen, Tieren und natürlich Land und Leuten. Mit mir zusammen sind zwei andere Gäste aus Deutschland unterwegs. Unser Guide heißt Levis und spricht englisch, ist aber sehr gut zu verstehen.  Der kleine Ort Usa River gehört zu Stadt Arusha, ist aber eine ländliche Gegend mit kleinen Farmen. Schon nach wenigen Metern sehen wir die ersten Farmhäuschen, manche gemauert, andere aus Holz gezimmert. Die meisten Farmer bauen hier nur noch wenig Kaffee für den Hausgebrauch auf ihren kleinen Feldern an, sondern setzen auf Mischkulturen, deren Feldfrüchte direkt auf dem Tisch landen und nicht erst mühsam verarbeitet oder verkauft werden müssen.

Sehr verbreitet sind deshalb Mais, Bohnen und Bananen. Der Mais (eine weiße Sorte) wächst langsamer als die Bohnen, die sich an den Maispflanzen hochranken können. Die Bananenstauden beschatten die Felder und schützen vor Austrocknung. Auch Spinat, Salat und anderes grünes Gemüse werden für den täglichen Speiseplan angebaut und die Überschüsse verkauft. Die großen Kaffeeplantagen mit industrieller Weiterverarbeitung sind weiter westlich im Ngorongoro-Hochland zu finden.

Levis zeigt uns verschiedene Bäume, deren Rinde, Blüten oder Früchte bei Krankheiten eingesetzt werden. Seine Gesichtsform mit den hohen Wangenknochen unterscheidet sich von anderen Tansaniern, die eher eine runde Kopfform und weiche Gesichtszüge haben. Levis stammt aus der Volksgruppe der Luo, die an der Grenze zwischen Tansania und Kenia beheimatet sind. Nicht ohne Stolz erwähnt er, dass die Großmutter und der Vater von Barack Obama ebenfalls Luo sind. Gern teilt er sein traditionelles Wissen über Pflanzen und Tiere mit uns.

Es macht ihm großen Spaß, auf die Kaffeetour zu gehen, in der Hochsaison auch fünfmal pro Woche. Er liebt den Weg und die Gegend und natürlich eine gute Tasse Kaffee.Wir erreichen die Farm von Mama Sofia. Eigentlich hat sie einen anderen Namen, aber in Tansania ist es üblich, die Eltern nach der Geburt des ersten Kindes in „Mama von…“ und „Papa von…“ umzubenennen. So heißt die erste Tochter wohl Sofia. Es ist ein Zeichen des Respekts. Eltern werden in der tansanischen Kultur hoch geschätzt, vor allem natürlich, wenn sie Söhne haben.

Wie die meisten Bauern der Umgebung auch hat Mama Sofia nur noch einige Kaffeesträucher zum Eigenbedarf und lässt die regelmäßigen Besucher gern pflücken. Zum Glück tragen die Sträucher fast ganzjährig Früchte. Auf dem Rest der Farm ist obligatorische Mix aus Mais, Bohnen und Bananen angepflanzt. Die Vorführungen und das damit verbundende Trinkgeld helfen der Familie sehr. Mama Sofia gönnt sich jedoch selbst nichts, das kann man an ihren zerschlissenen Schuhen sehen. Lieber schickt sie ihre Kinder auf die Schule.

Wir pflücken ein Eimerchen voll Kaffeekirschen. Das kann auch auf den großen Plantagen keine Maschine, da am Strauch immer Kirschen unterschiedlichen Reifegrades hängen. Nur die roten sind reif und müssen mühsam mit flinken Fingern zwischen den unreifen herausgepflückt werden. Jede Kaffeekirsche enthält zwei Bohnen, also muss eine Pflückerin rund 1750 Kaffeekirschen für ein Kilo Kaffee ernten. Eine beeindruckende Menge und Mühe.

Deutschland ist übrigens nach den USA der größte Importeur von Kaffee. Wir importierten 2012/13 rund 564.000 Tonnen Kaffee. Im Pro-Kopfverbrauch liegen wir auf Platz 7 mit rund 7,3 Kilogramm Rohkaffee. Dies sind 165 Liter Kaffee pro Person und Jahr - das sagen die Statistiken des Deutschen Kaffeeverbandes aus dem Jahr 2013. .Tansania und Kenia sind dabei nicht die Spitzenproduzenten, allerdings wächst hier wegen der Höhenlage und des günstigen Klimas qualitativ hochwertiger Kaffee. Dazu aber später mehr.

Mit einer mechanischen Mühle wird nun das Fruchtfleisch der Kirschen zerquetscht, um an die wertvollen Kerne im Inneren zu gelangen. Im anschließenden Wasserbad schwimmen sie oben und werden abgeschöpft. Unsere Ernte muss nun rund drei Wochen trocknen, deshalb bringt Mama Sofia getrocknete Kerne, die gestampft werden, um die harte Schale zu lösen. Die eigentliche rohe Kaffeebohne steckt in dieser harten Schale. In der Industrie übernehmen nun Maschinen die mühsame Arbeit, wir aber müssen Muskelkraft anwenden, um im großen Mörser die Hüllen aufzubrechen. Schnell sind die Arme lahm und Levis kommt uns lachend zu Hilfe. Nun führt Mama Sofia das Kunststück mit dem Bastkorb vor. Sie schwenkt und wirft die Bohnen und Schalen geschickt in die Luft und der Wind bläst die Schalen davon.

Die Bohnen kommen in den Steingutkessel über dem Feuer. Rund zehn Minuten dauert es, bis sie von hellbeige zu dunkelbraun geröstet sind. Je dunkler sie werden, desto intensiver wird der herrliche Duft.Levis erzählt uns während wir warten, dass hier in der Gegend hauptsächlich Arabica-Kaffee zu finden ist, der als hochwertigste Kaffeesorte gilt. Arabica gedeiht nur in Gegenden, die nicht zu heiß und trocken sind. Die Lagen am Fuß des Mount Meru eignen sich sehr gut, weil es hier feucht, selten über 30 Grad warm und der Boden vulkanischen Ursprungs sehr fruchtbar ist. Robusta (die andere Haupt-Kaffeesorte), wächst hier zwar auch, wird aber eher in den wärmeren und trockenen Gegenden angebaut.

Die Robusta-Bohnen enthalten mehr Koffein und sind schneller reif. Die handelsüblichen Filterkaffees in deutschen Supermärkten bestehen übrigens meist aus Mischungen von Arabica und Robusta, die oft aus unterschiedlichen Ländern stammen. Diese werden entweder schon als Rohkaffee gemischt oder sortenrein geröstet und dann „verblendet“. Der immer gleiche Geschmack wird durch unterschiedliche Mischungsanteile je nach Qualität und Ursprung der jeweiligen Kaffeesorten erreicht. Hochwertige Kaffees, die als ganze Bohne verkauft werden, sind dagegen oft sortenrein oder stammen aus einem bestimmten Land oder sogar nur einer Plantage. Sie schmecken deshalb nicht immer gleich und manchmal auch nicht so angenehm rund.Unser Kaffee ist nun fertig geröstet und die Bohnen könnte man sogar knabbern. Wir müssen nun nochmals an den Mörser und den Kaffee zu feinem Pulver stampfen. Ich vermisse meinen Kaffeeautomaten, der das ganz allein erledigt. Dafür duftet es himmlisch. Das Pulver wird nun in einen Topf mit Wasser aufgekocht und gefiltert. Dann dürfen wir probieren und es schmeckt wirklich wunderbar, überhaupt nicht bitter und sehr anregend. Nach dieser Erfahrung sehe ich meine Kaffeebohnen mit viel mehr Ehrfurcht und Respekt an, weil ich weiß, wie mühsam der Weg vom Strauch zur fertigen Tasse Kaffee ist.

Wir verabschieden uns und kehren nach kurzem Marsch bei Rosi ein, die uns ein traditionelles Mittagessen serviert. Die Zutaten sind Mais (in Form von Polenta), gekochte Bohnen und Bananen sowie würziger Spinat. Alles sehr lecker und garantiert hausgemacht. Während der Hochsaison isst Levis das fünfmal pro Woche, aber es scheint ihm nichts auszumachen. Die Sonne kommt hervor und es wird schwülwarm, als wir den Regenwald am Usa River erreichen.

Ein älterer Herr in einem tadellosen Anzug erwartet uns am Waldrand - er ist der „Hüter des Waldes“ und führt uns würdigen Schrittes auf den schmalen Pfaden entlang. Wir bleiben häufig stehen, denn über uns turnen schwarz-weiße Colobusaffen durch das dichte Geäst. Meist sieht man nur die weißen, puscheligen Schwänze oder fliegende Fellbüschel. Sie sind behende und sehr scheu. An einem mächtigen Ficus-Baum, dessen Wurzeln wie geschwungene Wände vor uns aufragen, erklärt uns Levis, dass diese Bäume heilige Versammlungsplätze der Dorfgemeinschaften waren und das dieser Baum schon Jahrhunderte hier steht. In seinen riesigen Wurzeln kann man sich verstecken und wir haben Spaß beim Fotografieren.

Da es an den Tag sehr schwül ist, beschließen wir, nicht mehr die rund fünf Kilometer bis zum Endpunkt der Wanderung, der Meru Game Lodge, weiterzulaufen und lassen uns von einem Auto abholen. Es war wirklich eine sehr interessante und schöne Tour, die durch die vielen Stopps und Erklärungen auch nicht zu anstrengend ist. 

Tipp: Unbedingt feste Schuhe anziehen und die langen Hosen in die Socken stecken - der Weg ist sehr uneben und es gibt im Wald Ameisen, die gern in die Hosenbeine krabbeln.Die Kaffeetour ist fester Bestandteil vieler unserer Tansania-Reiseprogramme (zum Beispiel beim Safari-Baustein Tansania, Tansania Nord und Süd sowie in unserer beliebten Reise Tansania-Kenia: Die Große Tierwanderung, die ab 2015 mit einem Aufenthalt in der African View Lodge und der Kaffeetour beginnt.

Morgen vormittag werde ich noch eine weitere Aktivität probieren und eine Kanutour auf dem Lake Duluti unternehmen, bevor ich Abschied von Tansania nehmen muss und nach Hause fliege.

Wer eine große Kaffeeplantage besuchen und die industrielle Verarbeitung der Kaffeebohnen kennen lernen möchte, kann die "Kilimanjaro Plantation Ltd" nahe Moshi besuchen.

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