Junge Menschen in uralten Zeiten

von Svenja Penzel

Gedanken am Mara-Fluss, 02.11.2018

Auch wenn ich schon einige Reisen nach Kenia unternommen habe, geht mir erst bei dieser Tour so richtig auf, wie sehr auch die Menschen das Land prägen. Vielleicht liegt es daran, dass ich auch Einheimische in meiner Reisegruppe habe. Wir diskutieren viel, und dank unserer „Chefin“ Judy mit ihrem großen Herzen und ihren vielen Verbindungen haben wir einen anderen Zugang zu den Menschen, denen wir begegnen.

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein.

Judy selbst wohnt außerhalb von Nairobi und pendelt jeden Tag anderthalb Stunden zur Arbeit und zurück. So wie zigtausend andere. Wer schon einmal im Feierabendverkehr in Nairobi feststeckte, weiß, wovon ich spreche.

Da ist Siana, eine junge Frau, aufgewachsen in Nairobi, die es in der Stadt nicht ausgehalten hat und in den tiefsten Busch geflüchtet ist. Sie kümmert sich um die Gäste im Ngare Serian Camp am Mara-Fluss, wo ihr immer wieder Hippos über den Weg laufen. Hier blüht sie richtig auf.

Da ist Sacha, der uns in Lewa die Sterne erklärt. Nicht nur mit unglaublichem Fachwissen, sondern auch mit einer solchen Hingabe und Begeisterung, dass wir gebannt an seinen Lippen hängen. Von Kind auf haben ihn die Sterne fasziniert. Er wäre gern ein Pionier im All und hat sich ernsthaft für die erste bemannte Mars-Mission interessiert, doch dann machte ihm das Leben einen Strich durch die Rechnung - Er ist gerade Vater von Zwillingen geworden und bleibt nun doch lieber auf der Erde.

Dann ist da Chyulu, die uns barfuß mit Cowboyhut am Airstrip abholt, im Wagen ein großer Hund und zwei blonde Kinder. “Welcome home”, sagt sie bei der Ankunft in ihrer Lodge. Sie ist Kenianerin in dritter Generation und hat schon an den verschiedensten Orten Ostafrikas gewohnt, auch an Kriegsschauplätzen im Kongo. Jetzt ist ihr Zuhause ein großes Stück zerklüftetes Land im Norden von Laikipia, das ihr Großvater in den 1950er Jahren erworben und als Farmer betrieben hat. Chyulu und ihr Mann Andrew haben den Gästebetrieb ausgebaut. Die Steinhäuser thronen majestätisch an der Kante eines steilen Kliffs. Andrew ist Hubschrauberpilot, sein kleiner Sohn will es ihm nachtun. Der Morgen mit den beiden ist so bereichernd, die Geschichten hängen uns noch lange nach. Es ist tatsächlich so, dass wir uns hier ein bisschen zu Hause gefühlt haben.

Und dann sind da die Samburu.

Besuche bei den einheimischen Volksgruppen haben ja immer etwas Befremdliches. Entweder es ist eine touristische Show, vielleicht sogar mit Eintrittsgeld oder zumindest mit Spende. Oder man betritt fremde Hütten, in denen der Rauch aus der dunklen Küchenecke in den Augen beißt und Kinder in zerrissenen T-Shirts mit großen Augen scheu um die Ecke gucken. Keiner weiß, was er sagen sollte, man spricht die Sprache des anderen ja ohnehin nicht.

Diesmal ist alles anders. Bei den Samburu wird Hochzeit gefeiert. Das ist kein touristisches Spektakel, das ist echt. Wir sind ganz einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und wir werden behutsam herangeführt, sind als stille Gäste geduldet und werden auch gar nicht weiter beachtet. Hier feiert die Jugend. Vom frühen Nachmittag bis spät in die Nacht hört man die Gesänge. Es sind große, stolze, schöne Menschen. Verwurzelt in einer uralten Tradition, in starken Familienverbänden. Fernab von dem, was wir Zivilisation nennen. Sie sprechen weder Englisch noch Swahili, die meisten können nicht lesen und schreiben.

Die blutjunge Braut wird am nächsten Morgen ihre Familie verlassen und zu ihrer Schwiegermutter ziehen. Dort bleibt sie, bis die Wunden der Beschneidung verheilt sind. Dann kann sie mit ihrem Mann eine Familie gründen. Sie ist seine erste Frau. Ich betrachte ihr schönes Gesicht, bewundere ihre aufrechte Haltung. Sie ist jünger als meine Tochter.

Es bricht mir das Herz. Aber wer sind wir, etwas zu bewerten oder gar verändern zu wollen?

In dieser Nacht liege ich lange wach, die Bilder lassen mich einfach nicht los.

Selten hat mich eine Reise so bewegt.

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