Klöster und Paviane, Wasser und Brot - Reisebericht Äthiopien

von René Schmidt

Debre Libanos, 26.11.2015

Am nächsten Morgen besteigen wir dann wieder den bequemen Minibus, es gibt ein Wiedersehen mit unserem Fahrer und dann ab über Land Richtung Norden. Hinauf in höhere Regionen. Von der Hauptstraße führt ein steiler Abzweig zum Kloster Debre Libanos. Schon im 13. Jahrhundert gegründet, stammt der jetzige Bau aus den 1950er Jahren. Ins Auge fällt mir als erstes die Uhr über dem Eingang, schon so spät? – Nein, ich habe nur falsch geschaut. In Äthiopien rechnet man mit der Solarzeit. Die Zeiger starten ganz oben (auf der 12), wenn die Sonne aufgeht. Durch Unwissenheit von der Existenz der Solarzeit hatte ich einmal sechs Stunden an einem Busbahnhof gewartet (war aber ein anderes Land in einem früherem Jahr).

Neben den Teppichen und Malereien im Kloster beeindruckt mich vor allem der lokale Führer. Dieser gehört in jeder Stadt Äthiopiens und an jeder Attraktion zum Besuchsprogramm hinzu, so dass der Reisegast bestens über die lokalen Besonderheiten informiert wird. Auf ganz herzliche Weise vermittelt er mir in Debre Libanos die Geschichte der koptischen Kirche. Viel lebendiger, als es der Führer im Nationalmuseum von Addis Abeba konnte, der nur seinen Dienst verrichtete und von Berufs wegen die Evolution erklären musste, auch wenn er selbst sich wohl nicht mit dieser Lehre anfreunden konnte.

Die Landschaft um das Kloster ist ausgesprochen schön mit aufragenden Bergen. Hier leben auch Dscheladas (Blutbrustpaviane). Das Hochland auf der Weiterfahrt in den Norden ist ländlich geprägt mit typisch afrikanischen Rundhütten. Ein Bruch durchzieht das Hochland. Doch ist dies nicht der Große Afrikanische Graben. Der Blaue Nil hat sich hier tief eingegraben. Fast 1500 Höhenmeter windet sich die Straße hinab, wieder hinauf und dann noch weit hin bis nach Bahir Dar am Tana-See.

Sieht man den Victoria-See als Quelle des Weißen Nil, dann ist hier die Quelle des Blauen Nil (beide haben ja noch Zuflüsse mit diversen Quellen). Am See gibt es tatsächlich noch Papyrusboote. Nicht nur als Souvenirs zum Kaufen, nein noch richtig um über das Wasser zu fahren. Thor Heyerdahl betrachte hier die Qualität des gelben Papyrus-Schilfes. Am nächsten Morgen fahren wir jedoch erst einmal vom See weg, seinem Abfluss folgend zu den Fällen des Blauen Nil bei Tis Issat. Die Fahrt führt durch kleine Dörfer. Noch nie kam ich wohl auf einer touristischen Route so nah an das bescheidene Leben der Landbevölkerung heran. Von einem dieser Dörfer startet der Fußweg zu den Fällen. Der örtliche Führer ist diesmal eine junge Dame. Sie hat Ähnlichkeit mit Mare Dibaba, der Marathon-Weltmeisterin. Aber vielleicht habe ich für Sie auch Ähnlichkeit mit einem der deutschen Fußballweltmeister. Sie zeigt uns nicht nur den Weg zu den Fällen, sondern weiß dabei auch viel über die Natur und Landwirtschaft der Region zu erzählen. Ein Khat-Blatt kosten ist inklusive (jetzt muss ich also doch!). Die Wasserfälle sind leicht zu erreichen und man kommt ganz nah heran. Wasserfälle haben für mich immer wieder etwas Faszinierendes, und ich möchte keinen missen auf meinen Reisen, egal ob es die Victoria-Fälle des Sambesi sind, die Nilfälle hier oder der Blauenthaler Wasserfall in meiner Heimat Sachsen.

Am Nachmittag geht es dann per Boot zur Zeghie-Halbinsel mit Besuch von zwei darauf gelegenen Klosterkirchen. Auch hier erstaunen wieder die detaillierten Wandmalereien. Mein Konfirmandenunterricht hätte wohl eine Auffrischung gebraucht, um die dargestellten biblischen Geschichten alle zu erkennen. Da hilft aber wieder das mit viel Herzlichkeit vermittelte Wissen des örtlichen Führers. So lässt sich viel (Studien) Zeit verbringen. Es ist schon dunkel, als wir im Boot wieder zurückfahren. Eine Herausforderung für den Bootsführer, welcher langsam von Boje zu Boje bis zum Ufer steuert. Da ist es entspannter, von einem der Restaurants am See auf selbigen zu blicken als umgekehrt.

... unser tägliches Brot

Das tägliche Brot Äthiopiens ist das Injera. Am Vormittag habe ich noch bei der Zubereitung der Fladen aus Tef-Getreide zugeschaut. Jetzt gehören Sie zum Abendessen. Sie schmecken etwas säuerlich bis manchmal für den europäischen Gaumen zu sauer. Serviert werden sie als Beilage zu verschiedenen, meist scharfen Fleisch- und Gemüsearten. Essen ist eben auch Erweiterung des kulturellen Horizontes.

Der Nil verfolgt mich...

Am nächsten Morgen steuern wir zuerst eine kleine Anhöhe an, von der sich ein schöner Blick auf den Ausfluss des Blauen Nil aus dem Tana-See bietet. Von hier schlängelt sich der Fluss erst nach Südosten, bevor er sich Richtung Westen und dann nach Norden wendet, um sich im Sudan mit dem Weißen Nil zu vereinigen. Der Nil verfolgt mich. Zuerst sah ich ihn  bei Luxor aus der Luft, dann überquerte ich vor zwei Tagen seine Schlucht und jetzt sehe ich ihn wieder hier. Überall spürt man etwas von der Magie dieses Flusses.

Von Bahir Dar geht es dann weiter, den See an der östlichen Seite umrundend in Richtung Norden. Ländliches Gebiet, man sieht die Dörfer und die Menschen beim Ernten auf den Feldern. Einen kleinen Zwischenstopp bietet die Ruine der Burg Guzara, die man schon von der Straße aus erkennt. Auch bei der Durchfahrt durch andere Dorfer gibt es immer wieder kleine alte Kirchen und Klöster, teils auch Ruinen, die der Region den Beinamen „Historische“ verliehen.

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