Kala und das kleine Huhn

von Marco Penzel


Kala Camp, Okavango-Delta, 16.12.2024

Der knallgelbe Webervogel hält sich mit seinen Krallen an einem wankenden Papyrushalm fest. Ich sitze in einem Boot, habe Teleobjektiv und Konverter aufgeschraubt und versuche scharfzustellen, bevor der Vogel davongeflogen ist. Klick! Diesmal hat es geklappt.

Nach Leoparden, Löwen und anderem Großwild in verschiedenen Safari-Gebieten Botswanas, sollen heute Nachmittag die Vögel im Vordergrund stehen. Wir sind im Kala Camp im hohen Norden des Okavango-Deltas. Etwa Mai von bis August ist der größte Teil dieser Gegend überschwemmt. Nur vereinzelt schauen Inseln mit hohen Palmen aus den riesigen, natürlichen Seerosenteichen heraus. Jetzt am Ende der Trockenzeit ist das Wasser weit zurückgegangen. Aber Bootsfahrten und Mokoro-Ausflüge sind hier weiterhin möglich.

Und mit dem Boot kann man sich den Vögeln am besten nähern. Allein fünf verschiedene Eisvogelarten haben wir heute schon gesehen. Wenn der farbenprächtige Malachiteisvogel nur nicht so winzig wäre! Selbst bei 400 Millimeter Brennweite muss man ihn auf dem Bild eine Weile suchen.

Etwas leichter ist es, das African Jacana formatfüllend abzulichten. Wobei es sich immer wieder zwischen Schilfhalmen versteckt und außerdem etwas schwankt, wenn es mit seinen übergroßen Füßen über die Seerosenblätter läuft. Gleich habe ich es scharf, warte… abgeflogen!

Eine neue Chance gibt es hinter der nächsten Flussbiegung. Ich will schon das bekannte Jacana (Blaustirnblatthühnchen) in den Fokus nehmen, da sagt einer der beiden Guides ganz aufgeregt: „Look, look, a Lesser Jacana!“ Wo? Ach da! Der Vogel ist etwas kleiner, pummeliger und scheint wie sein größerer Verwandter über das Wasser laufen zu können, jedenfalls über Seerosenblätter. „Manche Gäste wollen so gern ein Lesser Jacana sehen“, sagt der Guide, „wir bekommen es aber selbst nur ein oder zweimal im Jahr zu Gesicht.“

Wenn das kein Grund zum Feiern ist. Die Sonne geht bald unter. Zum Sundowner gibt es „Delta Lager“, ein neues Bier („Bohemian Style“) aus einer kleinen Brauerei in Maun, und Biltong. Nur zwei Meter neben unserem Boot tauchen Nase und Augen eines kleinen Krokodils zwischen den Seerosen auf. Es hat fast den Anschein, als ob es gemeinsam mit uns den Sonnenuntergang genießen will.

Als wir ins Camp zurückkehren, ist schon das Lagerfeuer angezündet. Bald gibt es Abendessen.

Mit neun Zeltchalets, die über erhöhte hölzerne Wegen miteinander verbunden sind, ist das Camp relativ klein. Die Stimmung ist entspannt. Jedes Getränk wird mit einem Lächeln serviert. 

Im Zelt steht ein großes, sehr bequemes Bett. Drumherum ist ausreichend Platz, dahinter schließt sich das Bad mit Dusche und WC an. Alles praktisch und solide gestaltet, ohne sich im Schickimicki zu verzetteln.

Im gleichen Reservat liegt Setari Camp. Es zählt zwar nur ein Zeltchalet mehr als seine kleine Schwester Kala, wirkt aber viel weitläufiger. Auch hier sind alle Gebäude mit hölzernen Wegen verbunden, die auf Pfählen etwa zwei Meter über dem Erdboden verlaufen. Die Zelte stehen ebenfalls auf erhöhten Plattformen und sind so groß, dass ins Zimmer neben dem bequemen Bett noch ein Sofa und ins Bad neben zwei Duschen (eine innen, eine außen) noch eine Badewanne passt.

Auch wenn Kala etwas mehr Möglichkeiten für Pirschfahrten und Wanderungen hat als das von hohem Papyrus und Schilf umgebene Setari - beide sind nicht die richtige Adresse für Reisende, die täglich Raubtiere sehen wollen. Nachts hören wir einen Löwen brüllen. Er ist ein ganzes Stück entfernt, vielleicht schon in den benachbarten Reservaten Selinda oder Jao. Zu Gesicht bekommen wir - abgesehen von der erwähnten bunten Vogelwelt - Elefanten, Kudus, Letschwe-Antilopen, Buschböcke und Warzenschweine. Aber die Hauptrolle spielen hier ganz klar die sich ständig wandelnden Wasserlandschaften des Okavango-Deltas. 

Während der Flut im Delta (etwa zwischen März/April und August/September) liegt Setari auf einer kleinen Insel. Man blickt dann genauso über weite Wasserflächen wie in Kala. Jetzt im Dezember erstreckt sich vor meiner Veranda eine grüne Ebene, auf der Letschwe-Antilopen grasen. Im trockenen Schilf am Rand des fast ausgetrockneten Wassergrabens sitzt ein Graufischer und fokussiert seine Beute. 

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