(K)Ein Tabu? - Rettung aus dem Busch

von Jacqueline Korb

Flugtickets, Passkopie, Impfnachweis, Visa-Bestätigung, Krankenversicherungsunterlagen… ich versuche wirklich an alles zu denken bei den letzten Vorbereitungen für meine Tansania Reise. Ich freue mich riesig, denn nach einer langen Corona-Zwangspause starte ich morgen endlich wieder auf Erkundungstour nach Afrika. In aktuellen Zeiten gibt es einfach ein paar Punkte mehr auf der Vorab-Checkliste, aber nachdem nun auch mein negatives PCR Test Ergebnis vorliegt, kann es losgehen.

Auf dem Langstreckenflug von Amsterdam nach Dar es Salaam unterbricht eine Stewardess Durchsage meinen Film „Cruella“. „Wir brauchen bitte dringend einen Arzt! Ist hier ein Arzt an Bord, der helfen kann?“ Ich selbst kann natürlich nicht unterstützen, aber ich bin in Gedanken bei dem Passagier, der gesundheitliche Probleme hat. Hoffentlich ist es nichts Schlimmes, hoffentlich geht alles gut! Ich muss zugeben, ich verschwende einen kurzen Gedanken daran, was wäre, wenn es mir hier selbst nicht gut gehen würde. Am Fensterplatz in einer Boeing 787, mitten über dem Mittelmeer, entlang der kroatischen Küste…

Die Eindrücke im Nyerere Nationalpark, dem ehemaligen Selous Wildreservat, lassen das alles vergessen. Meine erste Station im Süden Tansanias erreiche ich im kleinen Buschflieger. Das gefällt mir! Schon von oben beeindruckt mich die Landschaft, die selbst Anfang November - am Ende der langen Trockenzeit – in Fluss und Seen genügend Wasser als Lebensraum für Flusspferde, Krokodile, Schildkröten & Co. bereit hält. Ich bin einfach überwältigt! Diesen Garten Eden lasse ich nach drei kurzweiligen eindrucksvollen Tagen schon wieder hinter mir. Der Ruaha Nationalpark erwartet mich. Nach ca. 1,5 Stunden Flug lande ich zusammen mit zwei weiteren Passagieren und zwei Pilotinnen am Msembe Airstrip im zentralen Tansania. Die flimmernde Hitze erdrückt mich fast. Die glutrote Farbe des Bodens lässt die Temperatur gefühlt noch mehr ansteigen. Ich trotze den 45 Grad mit Litern von Wasser und genieße die ebenso beeindruckende, aber zu Nyerere völlig gegensätzliche Natur. Ruaha erinnert mich ein bisschen an den Tarangire Nationalpark im Norden, aber im Größenverhältnis geht der südliche Park hier als klarer Sieger hervor. Mehr als 20.000 km² Lebensraum für Löwen, Giraffen und vor allem unzählige Elefanten übertreffen flächenmäßig sogar die weltberühmte Serengeti.

Leider darf ich nicht in den Genuss kommen, die Tierwelt Ruahas und alle hier auf meinem Plan stehenden Lodges ausführlich zu erkunden. Am Morgen des zweiten Tages stehen mir schon beim Frühstück Schweißperlen auf der Stirn, mir ist schwindelig und übel. Die Vormittagspirsch am Flussufer läuft gefühlt wie im Film an mir vorüber. Ein unangenehmes Gefühl. Nach der Ankunft in der malerischen Jabali Ridge Lodge kann ich mich kaum noch auf den Beinen halten, ich bin schwach, ich kann und mag kaum reden und ich will nur noch liegen. Von dem liebevoll angerichteten Mittagessen mag ich nicht einen einzigen Bissen essen. Gleich zwei Mitarbeiter des Teams begleiten mich zu meinem Zimmer, haben umgehend einen eisigen Stirnlappen parat und die Masseurin versucht, mit einer Fuß- und Beinmassage mit kühlen Tüchern meine Lebensgeister zu reanimieren. Sicherlich hat mir einfach die Hitze zu schaffen gemacht, gepaart mit unzähligen Eindrücken und einem straffen Zeitplan. Ich bin frustriert, meine Schwäche bringt mich um die Pirschfahrt am Nachmittag und die Besichtigung eines weiteren Camps. Ich denke an den Passagier im Flugzeug, das fühlt sich an wie ein Deja-Vu, diesmal spiele leider ich die Hauptrolle, diesmal bin ich es, die einen Arzt benötigt…

Es ist mir eine Herzensangelegenheit, das, was ich im Ruaha Nationalpark außerplanmäßig erlebt habe, an dieser Stelle zusammenzufassen – angefangen beim „Park.Doctor“ über den Rettungsflug mit Amref - Flying Doctors bis hin zum Aga Khan Krankenhaus in Dar es Salaam. Ab dem Moment, in dem klar war, dass ich mitten im Busch Hilfe benötige, war ich rund um die Uhr überwacht. Im lückenlosen Arztkontakt wurden zum Beispiel in regelmäßigen Abständen Puls, Blutdruck und Sauerstoffsättigung meines Blutes gecheckt, bewertet und nach Möglichkeit behandelt. Der „Park.Doctor“ Dr. Simon King war es, der zu einem ausführlichen Check im Krankenhaus angeraten hat, um ernsthafte Komplikationen auszuschließen. Stattliche 630 km trennten mich übrigens zu diesem Zeitpunkt vom Herzzentrum in der ostafrikanischen Metropole. Sowohl eine Fahrt im Auto als auch ein gewöhnlicher Inlandsflug kamen aufgrund meiner gesundheitlichen Vorgeschichte und der akuten Symptome absolut nicht in Frage. Eine Spezialmaschine der Amref - Flying Doctors brachte mich kurzerhand aus dem Ruaha Nationalpark zum Flughafen Dar es Salaam. An Bord jede Menge medizinische Geräte, zwei Piloten, ein Arzt, zwei Krankenschwestern, und Ich.

Mit Abstand betrachtet fehlt an dieser Stelle leider ein Foto vom Inneren der Maschine, bitte sehen Sie mir das nach. Dafür gibt es einen kleinen Einblick in das Krankenfahrzeug, welches mich nach ca. 1,5 Stunden Flug mit Sirene durch die verstopften Straßen der Großstadt ins Hospital manövrierte. Die Ergebnisse von EKG, Blutbild und einem ausführlichen Interview gaben eine erste Entwarnung. Gott sei Dank! Mit allergrößter Sorgfalt und beneidenswerter Ruhe und Gelassenheit hat sich hier in der Notaufnahme des Aga Khan Krankenhauses an einem Sonntagnachmittag ein Team junger freundlicher Ärzte um mich und die unzähligen weiteren Patienten gekümmert. Danke an dieser Stelle an Sabry, der mir für den nächsten Tag noch einen ausführlichen Check beim Spezialisten wortwörtlich ans Herz gelegt hat. Erst mit dem Bericht aus dem Cardiology Center, der übrigens ein mustergültiges Herzecho belegt, habe ich von Dr. King das Okay bekommen, meine Reise planmäßig auf Sansibar zu Ende zu bringen. Und selbst hier auf der Insel hat sich Simon per Whatsapp noch mehrfach nach meinem Befinden erkundigt.

Ich möchte mich an dieser Stelle recht herzlich bei all denen bedanken, die mir vor Ort und aus der Ferne geholfen haben: Kristina und ihr bezauberndes Team in Jabali Ridge, Dr. Simon King und sein Assistent Sinabo in Südafrika, die Ärzte und Schwestern im Rettungsflugzeug und im Krankenhaus in Dar es Salaam. Und zuhause im Vogtland haben meine Chefin Svenja und mein Mann Enrico tags und nachts alle Fäden gezogen, um auch die Abwicklung mit der Krankenversicherung sicherzustellen – unbezahlbar übrigens, dass alle Unterlagen parat waren.

Ich schreibe das alles so ausführlich auf, weil sich bestimmt jeder schon einmal die Frage gestellt hat, was passiert, wenn mal was passiert. Und vor allem wenn man sich so wie ich mitten im afrikanischen Busch befindet. Die Erfahrung selbst war sicherlich nicht schön, aber unglaublich wertvoll. Ich kann auf Fragen, Vorbehalte und auch Ängste gegenüber diesem eigentlichen Tabu-Thema eingehen. Und das mit einem richtig guten Gefühl und vor allem mit höchstem Respekt gegenüber allen Helfern.

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