Schneckentempo

von Svenja Penzel

Ich wollte nie ein Haustier. Bisher hatte ich auch immer gute Gründe, die Wünsche meiner Kinder kategorisch abzulehnen. Mit Allergikern in der Familie, wenig Zeit zur Versorgung und Beschäftigung, einem Betreuungsproblem bei Reisen und genug anderen Tieren in der Nachbarschaft hatte ich ja auch die Argumente auf meiner Seite. Die Kinder fragten zwar immer wieder, erhielten aber immer dieselbe Antwort und hatten sich wohl schon resigniert an diesen haustierlosen Zustand gewöhnt. Bis eines Tages die Schnecken in Spiel kamen. Nicht irgendwelche Gartenschnecken, sondern reinrassige hochsensible Zuchtschnecken mit hübschen dunklen Häuschen, zu empfindlich für ein Leben in der freien Wildbahn unseres Gartens. Sie leben in einem Terrarium im Kindergarten-Gruppenzimmer meines Sohnes Simon, vermehren sich dort prächtig und üben eine große Faszination auf die Kinder aus. Einer der Papas arbeitet im Tierpark und hat die edlen Weichtiere der Gruppe gestiftet. Da Simon und die anderen aus seiner Gruppe in wenigen Wochen in die Schule kommen, bot die Erzieherin den Kindern an, sich ein Erinnerungstier mit nach Hause zu nehmen. Für drinnen, natürlich. Simon war Feuer und Flamme und lag mir täglich in den Ohren, bittebitte, eine Schnecke! Da zählt das Allergikerargument natürlich nicht mehr viel, die Versorgung ist nicht weiter schwer, Schmuse- und Spieleinheiten entfallen… hmmm… vielleicht… aber NICHT IM HAUS! Schließlich fanden wir einen Kompromiss, unser Gartenhäuschen. Mit Feuereifer bauten beide Kinder ein provisorisches Terrarium aus Pappe und Folie, bemalten die Wände, bohrten Löcher hinein und gaben sich alle Mühe, dem künftigen Bewohner ein angenehmes Heim zu schaffen. Schließlich kam der große Tag, und Simon durfte sich aus dem Gruppenzimmerterrarium eine Schnecke aussuchen. Er pflückte noch einige Blätter ab, von denen er wusste, dass die Schnecke sie mag, dann ging es nach Hause. Der Sinneswandel ließ nicht lange auf sich warten. Von einem auf den anderen Tag war Simon die Schnecke total egal, er ging nicht mal hin um zu gucken. Seine Schwester versorgte sie noch hin und wieder, dann ließ das Interesse auch bei ihr nach. In mir keimte der Gedanke, dass sich das mit der Schnecke bald von selbst erledigt, weil sie entweder verhungert oder von Zugluft oder kühlen Morgentemperaturen dahingerafft wird, sofern sie nicht ausbüxt und in der wilden Natur unseres Gartens ein Ende findet. Doch erstaunlicherweise entwickelte ich auch noch andere Gedanken. Verantwortung. Fürsorge. Zusammengehörigkeit. Ich versuchte es mit 20 verschiedene Pflanzen und fand heraus, dass unser Feinschmecker nur Breitwegerich und die Blätter von Stockrosen frisst. Ich schaute nach der Arbeit als erstes bei der Schnecke vorbei. Gab ihr frisches Wasser. Pflückte neue Blätter. Holte sie an warmen Tagen heraus und gab ihr etwas Freilauf. Setzte mich daneben und sah ihr beim gemächlichen Ausfahren zu. Entdeckte die Faszination der Langsamkeit. Haben Sie mal einer Schnecke aus der Nähe beim Fressen zugeschaut? Es hat etwas Meditatives. Wenn es ganz still ist und man ganz nah dran ist, hört man das Abbeißen. Mein Mann entdeckte mich einmal in dieser Position und wunderte sich doch sehr. Egal. Eine Schnecke ist gut zum Runterkommen nach einem anstrengenden Arbeitstag, die Langsamkeit wirkt beruhigend. Probieren Sie es doch einmal aus, vielleicht werden auch Sie davon ganz tiefenentspannt.

ein Kommentar

Erna Steinhubr

09.08.2014 um 18:11

Das ist das 1. Mal dass ich von Schnecken als Haustiere hörte - hat was für sich!