Covid-19: Wie ist die Lage in Afrika?

von Svenja Penzel


Im Mai 2020

Die Medien berichten hierzulande über die Entwicklung der Corona-Krise in Afrika recht wenig und wenn, dann eher klischeehaft und mit diffusen Befürchtungen. Und wie sieht die Lage vor Ort derzeit wirklich aus?

GESUNDHEITSWESEN

Interessanterweise haben sich die schlimmen Prognosen, Afrika werde Millionen von Corona-Toten haben, bisher als reine Vermutung herausgestellt. Nirgendwo gab es Bilder zu sehen oder Berichte zu lesen von massenhaften Erkrankungen oder Todesfällen. Wir verfolgen die Nachrichten sehr genau und nutzen dazu auch afrikanische Medien und andere internationale Quellen. Auch wenn in vielen Ländern Afrikas kaum Testmöglichkeiten auf Covid-19 bestehen, hätten wir doch von stark gestiegenen Totenzahlen und sich rapide ausbreitenden Infektionen erfahren.

Die tatsächliche Lage in den meisten der Zielgebiete von Outback Africa gibt mittlerweile Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Darüber berichtet hier auch die Süddeutsche Zeitung.

Viele afrikanische Regierungen haben schnell und rigoros reagiert, ihre Grenzen geschlossen und harte Ausgangssperren durchgesetzt.

Die Südafrikaner waren viele Wochen daheim mit Beschränkungen, die schärfer ausfielen als bei uns. Präsident Ramaphosa hat gleich zu Beginn der Krise den Verkauf von Alkohol untersagt. Dadurch ist die Zahl der Gewalttaten vor allem in den Townships stark gesunken, die Krankenhäuser müssen viel weniger Opfer häuslicher Gewalt versorgen. Auch jetzt, wo die ersten vorsichtigen Lockerungen beginnen, bleiben die „Liquor Stores“ geschlossen. Jedoch bleibt die Ungewissheit, ob und wie sich das Virus in den dicht besiedelten Townships der armen Bevölkerung ausbreitet, wo es bereits einen hohen Anteil HIV-Infizierter gibt. Und ein zu harter Lockdown hat enorme Folgen für die südafrikanische Wirtschaft.

In Kenias Hauptstadt Nairobi dürfen die Menschen nur mit Masken aus dem Haus. Unsere Geschäftspartner arbeiten schon lange aus dem Home Office. In Uganda nutzt man die Expertise und Testmöglichkeiten aus der Ebola-Krise. Noch bevor dort der erste positive Corona-Test registriert wurde, hat Präsident Museveni Reisebeschränkungen und Abstandsregeln erlassen, die schon bald in einen kompletten Lockdown mündeten. Uganda verfügt wie viele andere afrikanische Länder über langjährige Erfahrung im Umgang mit Infektionskrankheiten und hat inzwischen Know-how entwickelt, über das viele westliche Länder möglicherweise nicht verfügen. Diesen und weitere Aspekte beleuchtet dieser Artikel des arabischen Senders Al Jazeera.

Mauritius hat Massentests eingeführt. In zwei Wochen sollen 100.000 Menschen (etwa 10 Prozent der Bevölkerung) getestet werden. Der Inselstaat hat starke Sozialpuffer eingerichtet und seine Gesundheitseinrichtungen mobilisiert, die über 3,4 Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner verfügen - mehr als einige westliche Nationen, darunter Großbritannien, die USA und Kanada.

Sicherlich könnte es einige afrikanische Länder geben, in denen der COVID-19-Ausbruch verheerende Auswirkungen haben wird. Aber einen ganzen Kontinent von 54 Ländern über einen Kamm zu scheren und ihm pauschal den Stempel „passives Opfer eines weiteren Virusausbruchs“ aufzudrücken, ist weder fair noch richtig. Man wirft ja auch nicht ganz Europa in einen Topf, sondern betrachtet die einzelnen Länder und ihre Anstrengungen in der Corona-Krise sehr differenziert. Keine zwei Länder sind gleich.

Je weniger bevölkert ein Land, desto weniger stark die Auswirkungen. So fasst es einer unserer Geschäftspartner aus Namibia zusammen: „Wir haben Glück hier, vier Wochen lang gab es keine neuen Fälle und insgesamt keinen einzigen Toten. Das Reisen innerhalb Namibias ist wieder erlaubt, und die meisten Geschäfte haben wieder geöffnet. Am meisten leidet der Tourismus, da keine Gäste kommen, aber abgesehen davon sieht es hier ganz gut aus.“  Bestätigt waren in Namibia zum Höhepunkt der Kurve ganze 16 Fälle. Die meisten dieser Patienten sind bereits wieder genesen.

Es gibt die berechtigte Hoffnung, dass sich der Virus im warmen, trockenen Klima und bei der im Durschnitt viel jüngeren Bevölkerung weniger verbreitet. Das Argument mit der jüngeren Bevölkerung hat aber auch eine makabre Seite: Die Risikogruppe, in der es in Europa die meisten Todesfälle gibt, nämlich sehr alte Menschen mit Vorerkrankungen, existiert in Afrika so gut wie nicht. Die Menschen sterben dort schon in jüngeren Jahren, und das oftmals an Ursachen, die vermeidbar wären, hätte man nur genug Moskitonetze, Impfungen, Hygiene und gesundheitliche Aufklärung. Wir im reichen Teil der Welt haben gerade die erschreckende Bekanntschaft gemacht mit der Gefahr, dass nicht mehr jeder Patient die bestmögliche medizinische Behandlung erhalten könnte. In Afrika und vielen anderen Gegenden der Welt war diese schlimme Notlage schon immer der Normalzustand.

NATUR UND TIERWELT

Nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Natur und Tierwelt gibt es durch die Corona-Krise Auswirkungen. Wir haben dazu interessante Bilder von unseren afrikanischen Partnern erhalten. Auf einem ist zu sehen, wie ein Löwenrudel gemächlich den Skukuza Golfplatz im Krüger Nationalpark durchstreift, mit dem Untertitel: „Da wo wir Menschen normalerweise unsere Golfbälle schlagen, genießen nun die Löwen ihre dazugewonnene Freiheit.“ Im Weinanbaugebiet nahe Kapstadt und entlang der Garden Route wurden wieder Leoparden gesichtet. Auf einem anderen Foto sitzen Löwen im Wartehäuschen eines Airstrips in der Massai Mara.

Aus Tansania berichten Geschäftspartner folgendes: „Ende April fuhren wir zu unseren beiden Camps in der Serengeti, um für den Beginn der Mai-Schicht frische Lebensmittel und Personal  mitzubringen. Während unserer drei Tage im Park sahen wir kein einziges Safari-Fahrzeug, und das Haupteingangstor am Naabi Hill sah verlassen aus. Es war erstaunlich zu sehen, wie schnell die Natur ihr Territorium zurückerobert. So schön es war, alle Tiere und den Park für uns zu haben, es war doch traurig zu sehen, wie schnell ein Virus den Tourismus zum Stillstand bringen kann. Unsere Camp-Mitarbeiter haben jetzt andere Aufgaben: Sie müssen ungewöhnliche Aktivitäten den Anti-Wilderer-Einheiten, den Park-Rangern und der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft melden.“

Naturschützer befürchten, dass die Wilderei zunehmen wird, wenn die Menschen kein anderes Einkommen haben. Zwar gab es mancherorts auch Überlastungen der Ökosysteme durch zu viel Tourismus. Aber Orte, für die sich niemand interessiert und die keine zahlungskräftigen Besucher haben, sind noch viel stärker in ihrer Existenz gefährdet. Der beste Schutz für einen Nationalpark ist, wenn er einen wirtschaftlichen Wert darstellt und daraus Einkünfte generiert werden. Ansonsten gewinnt die Wilderei oder der Druck der wachsenden Bevölkerung, die Weideflächen für ihr Vieh benötigt und sich die Ernte auf den Feldern nicht von Elefanten zerstören lassen will.

WIRTSCHAFT

In vielen Ländern war der Tourismus ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, das gilt für Namibia genauso wie für Österreich. Den Safariunternehmen, Hotels und Lodges droht nun ein weitgehender, langwieriger Ausfall des Geschäfts. Während es bei uns immerhin noch eine soziale Abfederung für die Mitarbeiter gibt, und zumindest teilweise staatliche Hilfen für die Unternehmen, fehlen diese Instrumente in den meisten afrikanischen Ländern ganz.

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Die so genannte Safari-Industrie hatte den Charme, dass Menschen mit ihren Ressourcen vor Ort (Landschaft, Tierwelt, Wissen, Gastfreundschaft) eine wirtschaftliche Existenz begründen konnten, ohne ihre Heimat verlassen zu müssen. Ein Safari-Guide, Koch oder Zimmermädchen konnte von der eigenen Hände Arbeit leben und davon oft eine ganze Familie ernähren. Wir als Reiseveranstalter haben auf unserer Seite dazu beigetragen, dass diese Ressourcen an die Gäste aus Übersee vermarktet werden konnten, in dem wir das Drumherum einer Reise mit Flügen, Versicherungen und rechtlichen Garantien geliefert haben. Diese Wertschöpfungskette wurde nun unterbrochen. Die dadurch verursachten Schäden werden enorm sein.

2 Kommentare

Mario

14.05.2020 um 19:38

Danke für die Infos

Torsten

14.05.2020 um 17:37

Ein ganz großes Dankeschön für euer Update zur Lage in Afrika. Das liest sich fast so, als ob man aktuell in Afrika besser aufgehoben wäre als in Europa. Um krasser, dass das Reisen (aus trotzdem ja noch nachvollziehbaren Gründen) aktuell noch untersagt ist.

Es ist irre, wie einen das Thema innerlich zerreist: Zum einen möchte man die Reisebeschränkungen aus Sicherheitsgründen so lange aufrecht erhalten, bis Reisen wieder für die Gesellschaft sicher möglich ist. Und zum anderen ist will man, dass ihr wieder Arbeiten und Geld verdienen könnt, anstatt wie aktuell am ausgestreckten Arm der Regierung zu verhungern (die machen das natürlich nicht absichtlich, aber in Konsequenz haben die Reisebeschränkungen nun mal gerade euer Geschäft gekillt, ohne dass ihr irgendwas dafür oder dagegen tun könnt).

Haltet durch. Ich drücke sowohl der Gesellschaft als auch der euch in der Tourismuswirtschaft die Daumen, dass alle mit sowenig Blessuren wie möglich durch kommen. Um im Bild zu bleiben: Blaue Flecke werden sich sicher nicht vermeiden lassen, aber ich hoffe, dass wir um gebrochene Gliedmaßen oder schlimmeres auf beiden Seiten umhin kommen.