Norman Carr, der Mann mit den zwei Löwen

von Marco Penzel

Norman Carr kam am 19. Juli 1912 in Chinde zur Welt, einer britischen Niederlassung im damals portugiesischen Südostafrika. Dort, nahe der Mündung des Sambesi in den Indischen Ozean, wurden Güter auf Dampfer verladen und in Richtung Nyassaland, dem heutigen Malawi, transportiert. Norman wurde zur Schule nach England geschickt und kehrte 1930 nach Nyassaland zurück. Hier begann seine Karriere mit der Jagd auf Elefanten, die Gärten und Felder beschädigten. Die dabei gesammelten Erfahrungen waren einer der Gründe für die Kolonialverwaltung, Carr zum Elephant Control Officer im Luangwa-Tal zu ernennen. In dieser Position löste er den legendären Charlie Ross ab, der von einem Elefanten getötet worden war. 1940 heiratete er Barbara Lennon, mit der er einen Sohn und zwei Töchter bekam. Im Zweiten Weltkrieg wurde Carr zu den britischen Truppen eingezogen und nahm am Abessinien-Feldzug teil. 1944 kehrte er zurück und wurde in der neu gegründeten Behörde zur Verwaltung der Jagd- und Naturschutzgebiete einer der ersten Ranger im Luangwa-Tal. Mit Pfeife und Löwen © Foto: Archiv Norman Carr Safaris Norman Carr und seine Löwen © Foto: Archiv Norman Carr SafarisBereits zu Beginn der 1950er Jahre erkannte Carr, dass die ursprüngliche afrikanische Wildnis nur erhalten werden kann, wenn die lokale Bevölkerung auch finanziell davon profitiert, dass Naturschutzgebiete eingerichtet werden. Er überzeugte den Kunda-Häuptling Nsefu, ein Stück Stammesland für ein Schutzgebiet zur Verfügung zu stellen. Hier entstand das Nsefu Camp als erste öffentlich zugängliche Lodge in Nordrhodesien, dem heutigen Sambia. Einnahmen des Camps flossen direkt an die lokale Verwaltung der Kunda.Ein Büffel fügte Norman Carr 1956 heftige Verletzungen an der Wirbelsäule zu, so dass er das Amt des Chef-Rangers aufgeben musste. Bereits ein Jahr später holten die Behörden den Experten zurück. Nun sollte er helfen, den neuen Kafue-Nationalpark aufzubauen.Berühmt sind die Bilder, auf denen Norman Carr mit zwei halbwüchsigen Löwen zu sehen ist. Die verwaisten Jungtiere hatte er 1958 aufgenommen und großgezogen. Die Katzen begleiteten ihn auf Spaziergängen und bei den täglichen Verrichtungen im Camp und lagen zu seinen Füßen, während er am Schreibtisch arbeitete. 1960 kehrte Carr mit ihnen ins Luangwa-Tal zurück. 1961 entließ er die beiden inzwischen ausgewachsenen Männchen im North Luangwa Nationalpark in die Freiheit. Seine Erlebnisse mit den beiden Löwen beschreibt Carr in seinem Buch „Return to the Wild“, das später auch verfilmt wurde.

Auf dem Dach eines Safarijeeps © Foto: Archiv Norman Carr Safaris

Beim Trinken am Fluss © Foto: Archiv Norman Carr Safaris

Morgenrasur © Foto: Archiv Norman Carr Safaris

Portrait von Norman Carr © Foto: Archiv Norman Carr Safaris

Norman Carr in älteren Jahren mit seinem Scout © Foto: Archiv Norman Carr Safaris

Noch vor der Unabhängigkeit Sambias im Jahr 1964 hatte Carr seine Ämter bei der Regierung gekündigt. Nun kümmerte er sich um seine eigene Safarifirma und war einer der ersten Guides, die Gäste zu Fuß durch die Wildnis führten. Damit war der Grundstein gelegt für die Walking Safaris, für die das Luangwa-Tal bald berühmt wurde. Alarmiert von den verheerenden Folgen der Wilderei gründete Carr 1970 ein Nashornschutz-Projekt, das später vom Worldwide Fund for Nature (WWF) fortgestezt wurde. Für sein Lebenswerk wurde Norman Carr mit dem Verdienstorden MBE (Most Excellent Order of the British Empire) ausgezeichnet.Zu Beginn der 1980er Jahre baute Carr die Kapani Lodge auf, die 1986 vom sambischen Präsidenten Dr. Kenneth D. Kaunda eröffnet wurde. Kapani sollte zu einer der besten Adressen für Safaris in Sambia werden. Noch heute ist die Lodge die Basis für Norman Carrs Nachfahren, die mit Kapani und einer Reihe von entlegenen, exklusiven Buschcamps die Tradition des Gründers fortsetzen. Ein Beispiel für diese Safaris ist unter dem Titel Safari-Legenden im Programm von Outback Africa Erlebnisreisen zu finden.In den 1990er Jahren widmete sich der Senior in erster Linie Wohltätigkeitsprojekten. Carrs wichtigstes Anliegen war es, die Ausbildungsschancen von Kindern und Jugendlichen in der Umgebung des Nationalparks zu verbessern und den Menschen zu vermitteln, wie wichtig der Naturschutz für ihre eigene Zukunft ist. Diesem Ziel sieht sich auch heute noch das Kapani School Project verpflichtet.Norman Carr starb 1997 im Alter von 84 Jahren in Johannesburg. Er wurde im South Luangwa Nationalpark beigesetzt. Sein Grab liegt nicht weit entfernt vom Fluss unter Ebenholzbäumen und wird von einem einfachen Stein markiert. Die Einheimischen berichten, dass an dieser Stelle regelmäßig Elefanten zu sehen sind. Sie kämen, um dem Mann, der sich so für ihr Überleben einsetzte, die letzte Ehre zu erweisen.

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