Schnabeltier

von Svenja Penzel

Venedig neben Amsterdam, Berlin neben London, die Frankfurter Skyline, und da ist auch die Allianz-Arena… Schiffe ziehen ihre Bahnen, schwarzweiße Kühe auf den Weiden, Windmühlen. Eine faszinierende kleine Welt. Wir stehen mitten im Legoland. Millionen von Klötzchen sind hier verbaut und miteinander verklebt worden, die Detailarbeit begeistert. Drumherum eine Erlebniswelt aus Karussells, Achterbahnen, 4-D-Kino, Affentheater, Wildwasserbahn, Piratenschiffen und dem „Flying Ninjago“. Zwei Tage lang haben wir mit den Kindern das Legoland Günzburg besucht. Haben uns immer wieder die Beine in den Bauch gestanden, um einen Platz in den Achterbahnen zu ergattern. Dazwischen Pizza, Popcorn und süße Getränke, ein Kurzfilm über die Lego-Produktion und ein Besuch im Aquarium. Wir bekamen Ansteck-Legomännchen für die Jacke. Wir bekamen in der Lego-Showfabrik einen in ein Plastiktütchen eingeschweißten Legostein mit Aufkleber. Wir konnten im Pharaonen-Shop unseren Vornamen in einen Legostein mit Anhängerkettchen eingravieren lassen. Wir nahmen an der „Mars-Mission“ teil und programmierten einen Lego-Marsroboter. Wir fuhren mit einem Bähnchen durch eine Safari-Welt aus Legostein-Zebras, Elefanten und Löwen. So weit, so gut. Nur irgendwas fehlte. Es dauerte ein paar Stunden, bis es mir dämmerte. Und als es mir dann aufging, verstand ich es nicht und suchte noch ein paar Stunden weiter danach. Vergeblich. Es gab im ganzen Legoland kein Lego. Also das Lego meiner Kindheit. Die bunten Klötzchen, die man aneinanderstecken kann, um daraus etwas Eigenes zu bauen. Einen Raum zum Spielen und Bauen mit Legosteinen. Ein Kreativzimmer. Eine Wanne voller bunter, loser, unverklebter Steine. Kinder, die einfach fantasievoll drauflos bauen. Fehlanzeige. Unser Sohn muss das irgendwie auch gemerkt haben. Jedenfalls zog er uns am Abend des ersten Tages in einen der Lego-Shops auf dem Gelände und gab sein halbes Feriengeld für eine Tüte Legosteine samt Bauanleitung aus (das war sicherlich von den Betreibern so beabsichtigt). Zusammengebaut wurden die gelb-orangen Teile dann mit Hilfe der großen Schwester im Restaurant unserer Ferienhausanlage. Die Betreiber dieses Restaurants waren wohl etwas rückständig oder hatten die Firmenphilosophie nicht verinnerlicht, jedenfalls hatten sie tatsächlich einen kleinen Nebenraum mit Teppich und einer Kiste großer Legosteine. Dorthin verschwanden unsere Kinder und kamen nach einer halben Stunde freudestrahlend an unseren Tisch zurück. Simon schwenkte das nach Anleitung gebaute „Ding“ triumphierend durch die Luft. Ich sah einen großen Kopf und mehrere Beine und sagte: „Oh cool, ein Schnabeltier!“ Da erntete ich Hohn und Gelächter. Das „Ding“ war eine Bulk Drill Machine aus der Lego Hero Factory. Hätte ich ja eigentlich auf der Verpackung schon lesen können. Meine Zeiten sind definitiv vorbei. Klötzchen und „irgendwas bauen“ war gestern. Heute sind Ninjago und Lego Chima, Star Wars und Heldenfabriken gefragt. Das Legoland macht alles richtig. Sieht man ja an der großen Zahl der Besucher aus aller Herren Länder. Das Problem liegt bei mir selbst. Nostalgie und Gedanken an die große Legokiste meiner Kindheit helfen da nicht weiter. Morgen werde ich mal mit Simon Heldenfabrik spielen und mit der Bulk Drill Machine auf große Bohrung gehen.

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