Heiß ist die Berliner Luft, Luft, Luft
Berlin, Ende Juni 2026Der Blick schweift über ein wogendes Meer von Menschen. Was da wogt, sind die Fächer (ersatzweise auch Programmhefte) tausender Menschen in dem Amphitheater. Wir sind in der Waldbühne in Berlin und warten auf den Beginn des Konzerts. Alljährlich spielen die Berliner Philharmoniker dort ihr Saisonabschlusskonzert. Die Karten hatte Marco mir zu Weihnachten geschenkt. Nun ist es Ende Juni und eine Hitzewelle hat Deutschland erfasst. Bleibt man da doch lieber zu Hause? Zumal das gebuchte und nicht mehr stornierbare Hotel keine Klimaanlage hat?
Wir fahren hin. Und erleben ein Wechselbad der Gefühle. Auf der vierstündigen Autobahnfahrt klettert das Thermometer bis 41 Grad. Das ist nicht schlimm, wenn man im gekühlten Fahrzeug sitzt. Aber beim Aussteigen an heißen Raststätten schon. In unserem Hotelzimmer steht die warme Luft. Das Fenster zu öffnen ist keine gute Idee. Der Ventilator strengt sich an, macht aber mehr Lärm als Luftzug. So liegen wir apathisch auf dem Bett. Später sitzen wir apathisch in der S-Bahn. Dann bewegen wir uns in einem trägen Strom heißer Menschen auf die Waldbühne zu. Leichte Übelkeit, der Körper schaltet auf Überlebensmodus. Vorbei an Essensbuden, wo mir der Geruch des Bratfetts zuwider ist. Wir finden unsere Plätze auf einer der Bankreihen und sinken auf die heiße Picknickdecke. Ich lese die Infos im Programmheft und habe sie sofort wieder vergessen. Das Gehirn will auch nicht mehr.
Wären wir doch lieber zu Hause geblieben? Nein. Es folgen zwei zauberhafte Stunden bei allmählich leicht sinkenden Temperaturen vor einem dunkler werdenden Himmel. Italienische Musik für Herz und Seele, die Lebensgeister kehren zurück. Der Dirigent gibt alles, der Star-Tenor brilliert, und wer bis dahin noch nicht weggeschmolzen ist, tut das nun. Das Orchester ist großartig. Es ist schön, dabei zu sein. Nach dem letzten Werk brandet der Applaus auf, Jubelrufe, stehende Ovationen. Aber noch etwas anderes liegt in der Luft: Donnergrollen. Die berühmte Zugabe von Paul Lincke „Berliner Luft“ wird noch gegeben, aber das Publikum soll währenddessen schon die Waldbühne verlassen, weil ein Unwetter im Anmarsch ist. Und so stapfen wir erschöpft, aber gut gelaunt die vielen Stufen noch, singend und pfeifend und voller Respekt für dieses Orchester.
Die Nacht wird schwülheiß, der nächste Tag nochmal sehr anstrengend, aber dann kippt das Wetter. Am Dienstagmorgen stehe ich daheim bei 20 Grad im Nieselregen, schaue dankbar zum Himmel, atme tief durch und schwöre, ich werde nie mehr über kühles Regenwetter jammern.
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