Winter-Wette

von Svenja Penzel

Ich habe in meiner Wahlheimat, dem Vogtland, ja schon einige richtig kalte und schneereiche Winter erlebt. Schnee von Oktober bis März, wochenlang Temperaturen unterhalb von minus 10 Grad, der letzte Frost im Mai, der erste dann schon wieder im August. Da ist dieser warme Winter schon komisch. Im Grunde stört es mich nicht, wenn die Straßen frei sind und ich kein Eis kratzen muss. Aber irgendwas Wesentliches fehlt ja doch. Fallen die kleinsten Flocken vom Himmel, jubeln die Kinder. Und sind dann sehr enttäuscht, wenn es statt weißer Pracht doch nur wieder Matsch gibt. Immerhin kann man aus diesem braunweißen Matsch, wenn man schnell ist, noch einen kleinen Schneemann bauen. Mein Simon hat bereits resigniert. Er spricht schon ganz schwermütig vom Frühling. Um ihn etwas aufzuheitern, biete ich ihm eine Wette an. „Wetten“, sage ich, „dass wir diesen Winter noch so viel Schnee bekommen, dass ich auf dem Poporutscher bis an den Gartenzaun komme?“ Unser Garten ist von der Rückseite des Hauses zum Zaun hin abschüssig. Simon überlegt. Er weiß, dass selbst für den flachen Poporutscher mindestens die Grashalme komplett mit Schnee bedeckt sein müssen, damit man nicht steckenbleibt. „Dagegen!“ wettet er. Wir legen die Wetteinsätze fest – ein kleines Lego-Auto für ihn oder ein schön gemaltes Bild für mich, und an den nächsten Tagen zieht er mich regelmäßig auf, weil ich ja keine Chance habe zu gewinnen. Tatsächlich sieht es für mich nicht gut aus. Bis, ja bis… es eines Abends sanft zu schneien beginnt und die Nacht weiterschneit. Am nächsten Morgen gucken nicht mehr allzu viele Grashalme durch die Schneedecke. Die Kinder schauen aus dem Fenster, kreischen vor Vergnügen, ziehen sich zum ersten Mal in der Saison die Schneehosen und Skihandschuhe an und stürzen sich kopfüber (ja wirklich) in den Schnee. Es sieht aus, als ob sie ihn umarmen wollten. Simon hat unsere Wette vergessen. Selbst als er mich mit dem Poporutscher kommen sieht, denkt er nicht daran. „Mama, komm, wir machen Schnee-Engel!“ Also gut, Kapuze hoch und auf den Rücken gelegt, Hampelmann im Liegen, wann habe ich das zuletzt gemacht? Doch dann will ich es wissen. Als ich zum Hang gehe, ahnt Simon, was jetzt bevorsteht. Aus Angst, seine Wette zu verlieren, erfindet er schnell noch neue Regeln, doch jetzt ist es zu spät, ich rutsche bereits zu Tal. Beim ersten Mal schaffe ich nur gut die Hälfte der Strecke, beim zweiten Mal habe ich mehr Schwung und lande am Zaun. „Gewonnen!“ brülle ich und stapfe lachend wieder bergauf. Doch dann merke ich, dass Simon das gar nicht lustig findet. Mit starrer Miene steht er da, in seinen Augen blitzen Tränen. Ich ahne, dass es gleich eine lange Debatte gibt, warum ich vielleicht doch nicht gewonnen habe. Ich nehme ihn in den Arm. „Weißt du was? Wir haben beide gewonnen. Immerhin bin ich ja erst beim zweiten Mal unten angekommen.“ Simon will noch protestieren, doch die Aussicht auf sein Lego-Auto ist zu verlockend. „Na gut“ meint er, und wir schließen Frieden. Nun bleibt noch die Aufgabe, die Wetteinsätze zu besorgen. Vielleicht erinnern Sie sich noch an unseren Dezember-Newsletter und daran, dass wir hier auf dem Land alles Mögliche im Internet bestellen. Vielleicht bestelle ich ein paar Lego-Autos zur Auswahl oder gleich als Vorrat für den nächsten Kindergeburtstag? Und so endet diese Geschichte mit dem schönen Satz: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann googeln sie noch heute (und schicken die Hälfte davon als Retour zurück).

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