Ohr-Domestos

von Svenja Penzel

„Wie bitte?“ „Was?“ „Was hast du gesagt?“ Immer wieder muss ich nachfragen. Am Abendbrottisch verstehe ich meine Kinder nicht mehr, in der Firma scheint einiges an mir vorbeizurauschen, so dass sich Marco schon am Kopf kratzt. Irgendwann bringt er es auf den Punkt: „Du hörst wohl nicht mehr so gut?“ Es war mir auch schon selbst aufgefallen, doch nun bildet sich mit einem Mal ein P wie Panik auf meiner Stirn. Ich hatte doch gerade erst eine neue Brille bekommen, sollte da demnächst hinten am Bügel noch ein Hörgerät hängen? Ich muss unwillkürlich an Otto Stein aus „In aller Freundschaft“ und an meine Oma – Gott hab sie selig – mit ihrem nervig piependen Hörgerät denken. Nein, bloß das nicht! Aber nun bin ich wirklich verunsichert und mache einen Termin beim Ohrenarzt. Zwei Wochen später sitze ich ihm leicht verkrampft gegenüber. „Was haben Sie denn für Beschwerden?“ – „Ich höre in letzter Zeit nicht mehr so gut…“ – „Na dann wollen wir doch mal sehen.“Ein kurzer Blick in meine Ohren genügt, und der Fall ist klar. Verstopfung, zu gut Deutsch. So weit hinten, dass da nur das Saugrohr des Arztes Abhilfe schaffen kann. Und er saugt. Es klingt gruselig und fühlt sich auch so an. Ich verkrampfe mich noch etwas mehr und fange an zu zittern. Der Arzt ruft die Schwester hinzu, die muss nun meinen Kopf festhalten. Er saugt weiter, ich leide. Schließlich schaltet er sein Gerät ab, ich atme auf. Doch er hat nur einen Teilerfolg zu vermelden: links ist frei, rechts noch nicht. Jetzt ist die chemische Keule dran. Ich soll mich im Nebenraum auf eine Liege legen, das rechte Ohr nach oben. Die Schwester tropft mir eine Flüssigkeit ins Ohr, die kurz darauf zu schäumen anfängt. Es zischt und knackt und sprudelt, ich fühle mich ein bisschen wie ein verstopfter Abfluss und finde die Bezeichnung „Ohr-Domestos“ sehr treffend. Geschlagene zehn Minuten liege ich so da und lausche dem Geblubber in meinem Ohr, während mir auf der harten Liege der linke Arm einschläft. Endlich werde ich aus dieser misslichen Lage befreit und darf, ein Tuch ans Ohr gedrückt, wieder zum Arzt hinein. Der saugt noch einmal kurz und strahlt dann wie ein Schneekönig: „Das war’s!“. Noch ein bisschen Salbe in die Ohren, ein Händedruck, und ich bin, noch etwas benommen, wieder draußen. Nun strahle auch ich und seufze erleichtert. KEIN Hörgerät!So, und nun lasse ich Sie bis zum Jahresende mit meinen Körperteilen und Gebrechen in Ruhe, versprochen. Wer mitgelesen hat und wen es interessiert: Meine Nase ist nach dem nächtlichen Zusammenstoß mit der Wand mittlerweile schmerzfrei, und mit meiner Brille bin ich glücklich wieder vereint, ja ich hab sie lieber als zuvor. Manchmal lernt man eben erst durch die Trennung, wie wertvoll einem etwas ist.

ein Kommentar

Silvia

20.10.2011 um 12:00

Ja, die Wehwechen kenne ich auch und ich versuche einfach darüber weg zu leben, auch wenn das natürlich nicht immer klappt. Aber was hilft es, sich aufzuregen? Ach ja, ein Hörgerät ist gar nicht so schlimm... ;-) Ich wünsche Ihnen alles Gute!