Schifoan

von Svenja Penzel

Fünf Grad plus zeigt das Thermometer, als wir die Grenze überqueren. Ein langer Stau liegt bereits hinter uns. Wir sind auf dem Weg in den Skiurlaub in Tirol. Doch auf österreichischer Seite ist es noch wärmer. Als wir durch das Ötztal fahren, sind es sieben Grad plus. Milde Luft, kein Schnee in Sicht. Wir halten am Skiverleih an der Talstation der Seilbahn. Auch dort alles grün. Sollen wir uns wirklich die Bretter ausleihen, denken wir, und stellen uns innerlich bereits auf einen Wanderurlaub ein. Aber es kommen Leute aus der Seilbahn geklettert, an deren Skistiefeln noch Schnee hängt. Also besteht Hoffnung. Ein Jahr ist es her, dass wir im Bayerischen Wald auf dem Zauberteppich neu begannen und nach ein paar Tagen vorsichtig die ersten Schwünge probten. Seitdem sind wir nicht wieder gefahren. Wieviel ist davon wohl hängen geblieben? Sind die Alpen nicht vielleicht eine Nummer zu groß? Wir sind sehr gespannt auf den nächsten Morgen. Die Spannung steigt. Wir stehen am Auto und wollen zur Talstation fahren. Marco kann den Schlüssel nicht finden, geht zurück ins Hotel. Die Minuten vergehen, wir müssen doch pünktlich beim Skikurs sein! Endlich Abfahrt. Am Parkplatz ziehen wir unsere Skistiefel an. Marco hilft Elise beim Anziehen, auf einmal macht es RATSCH und eine Schnalle bricht durch. Also zurück zum Verleih. Das dritte Paar Schuhe ist endlich akzeptiert. Nun aber rasch in die Gondel und rauf ins Skigebiet. Denkste. Es wollen Hunderte von Leuten rasch in die Gondel. Wir stehen also wieder im Stau. Die Skistiefel drücken. Die Sonnencreme, die ich mir zu dicht an die Augen geschmiert habe, brennt. Alles ist neu und aufregend, die Minuten verrinnen, die Skilehrer warten. Endlich geht es aufwärts. Und oh Wunder, unter uns tauchen erste kleine Schneefelder auf. Weiter oben ist alles weiß. Und als wir aussteigen, stockt uns fast der Atem. Eine wunderschöne Kulisse mit schneebedeckten Berggipfeln, wohin man schaut, dazwischen Pulverschnee, der in der Sonne glitzert. Das Problem ist nur, wohin jetzt? Erstmal die Kinder versorgen. Unzählige Eltern und Kinder laufen beziehungsweise staksen durcheinander, was mühsam ist mit den gefühlten zwei Zentnern an den Füßen, in denen man etwas von einem Elefanten im Porzellanladen hat. Mindestens 20 rot-weiß gekleidete Damen und Herren unserer Skischule werden von allen Seiten umringt und auf deutsch, englisch und holländisch angesprochen, Kinder werden von Andi zu Hanna zu Josy weitergereicht, doch zehn Minuten später sind sie endlich verteilt und erhalten bunte Leibchen. Einige weinen, einige plumpsen hin, einige pieken ihren Nebenmann mit den Skistöcken (Kinderskilehrer muss ein anstrengender Beruf sein). Als sie nacheinander in bunten Reihen den ersten kleinen Hügel hinuntergleiten, schauen wir uns nach unserem Erwachsenenlehrer um. Hans, Ende 60, wettergegerbtes Gesicht, nach hinten gegeltes graues welliges Haar, schnauzt uns erst einmal an, wir seien zu spät. Doch dann lässt er sich dazu herab, uns zu unterrichten. Kurven fahren, Talski belasten, leicht in die Knie gehen, wieder aufrichten, Schultern gerade lassen… gebetsmühlenartig wiederholt er das zwei Stunden lang. Das muss reichen. Die nächsten fünf Tage tasten wir uns allmählich von leichten blauen an schwierige rote Pisten heran. Werden immer sicherer, immer besser, immer mutiger (kleinere Stürze spornen eher noch an). Finden unsere Lieblingspisten, fahren sie immer wieder, freuen uns nach jeder gelungenen Abfahrt und bestaunen zwischendurch die grandiose Kulisse der Dreitausender in der Ferne, die auch am fünften Tag noch im Sonnenlicht leuchten. Kann man soviel Glück haben? Skifahren macht süchtig. Muskelkater in den Oberschenkeln? Egal. Blasen an den Füßen und dicke Knie? Egal. Fünf Tage Kaiserschmarrn und Käsespätzle? Auch egal. Der nächste Skiurlaub ist schon so gut wie gebucht.

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