Zuckertüten

von Svenja Penzel

Das bin ich bei meiner Einschulung am 9. September 1977 in einer Kieler Grundschule. Mit den damals modischen Klamotten. Und das war meine Zuckertüte. Wir haben Schultüte dazu gesagt. Wie Sie sehen, halte ich sie ohne größere Anstrengung locker in einer Hand. Das Modell ist eindeutig unisex und die Füllmenge dazu geeignet, einen Schulweg von zwei Kilometern zu Fuß ohne Ohnmachtsanfall zu überstehen. Das wäre hier und heute undenkbar, und ein Schulanfänger würde dieser Tage wohl einen bleibenden seelischen Schaden davontragen, wenn er eine ähnliche Zuckertüte verpasst bekäme. Da nimmt er lieber den körperlichen Schaden in Kauf, der durch das minutenlange Tragen (während des Stehens auf der Bühne der Schul-Aula) einer riesigen und viel zu schweren Tüte entsteht, oder den Spott seiner Mitschüler, wenn er seine Tüte nach zwei Minuten nicht mehr halten kann.Wir stecken gerade mitten in den Vorbereitungen für den Schulanfang unserer Tochter Elise, und diese Vorbereitungen lassen mir so manches Mal die Haare zu Berge stehen. Schon seit Monaten kursieren Kataloge verschiedener Hersteller für Zuckertüten aller Art, die findige Anbieter im Kindergarten verteilen. Noch findigere Eltern und Großeltern gehen gleich zu Beginn der Saison in die Zuckertütenfabrik im Nachbarort und erstehen im Betriebsverkauf das Lieblingsmotiv ihres Lieblings, bevor es genau dieses Motiv nicht mehr gibt, man weiß ja nie. Dazu benötigt man natürlich noch eine Geschwistertüte (die die Ausmaße meiner Schultüte von 1977 hat), dann noch eine Nummer kleinere Tüten für sämtliche Kinder der Gäste, die zur Schulanfangsfeier kommen, und schließlich noch kleinere Tüten, die man mit Bändern an der großen Zuckertüte befestigt und die dann außen dran herunterhängen, das sieht ja so hübsch aus. Doch damit nicht genug. So eine große Tüte muss ja gefüllt sein. Und zwar nicht nur bis zum Rand, das wäre ja peinlich, sondern mit einem Berg drauf. Oben auf diesen Berg kommt dann wahlweise ein Blumenstrauß (ja, wirklich!) oder ein Kuscheltier. Hilfe! Und es gibt tatsächlich Eltern befreundeter Kinder, die schon Monate vor dem Einschulungstermin alles parat haben und sogar schon probegepackt haben, unglaublich. Doch was tut man nicht alles, um sich und sein Kind nicht zu blamieren. Man könnte ja mutig sein und sein Kind mit einem Schild um den Hals mit der Aufschrift „Meine Eltern sind gegen den Zuckertütenwahn“ auf die Bühne schicken, aber was kann das arme Kind dafür, es wird seine Eltern doch abgrundtief hassen. Also liegen bei uns ganz oben im Schrank nun eine riesige Zuckertüte, Modell „Pferd lila“, eine Geschwistertüte, Modell „Saurier“, fünf Besucherkinderzuckertüten und ein paar von den ganz kleinen Deko-Tüten. Dazu ein großer Beutel mit dem Ergebnis unserer Shoppingtour zur Müller-Drogerie, bei der wir mit Hilfe einer grenzenlos geduldigen Verkäuferin den zweiseitigen Bogen abgearbeitet haben, auf dem haarklein steht, was unsere Tochter für die erste Klasse benötigt. Probegepackt haben wir noch nicht. Aber es sind ja auch noch vier Wochen. Wir werden uns schon nicht blamieren. Um alles richtig zu machen, müssen wir im Zweifelsfall einfach Elise selbst fragen. Ich fragte sie: „Möchtest Du obendrauf einen Blumenstrauß oder ein Kuscheltier?“ Sie überlegte, sah mich strahlend an und sagte: „Beides!“

ein Kommentar

eskild

08.08.2012 um 21:31

Liebste Svenja, ich mußte schmunzeln bei Svenjas Zeug, aber es ist schließlich doch Ernst und nicht Spaß. Am liebsten würde ich jetzt sagen, meine 3 des Besucherkinderschultütentragens mächtigen Kinder können gern darauf verzichten, aber wenn sie schon liegen, ist wohl kaum noch reversibel zu machen...
Heute war Einschulungsfeier bei uns im Norden und die Schultüten alle Größe 1977, allerdings nicht unisex, aber für die Mädels mit bunten Kräuselbändern dran.
Kannst Du Dich erinnern ob ich nicht sogar auch Deine Tüte zu meiner Einschulung hatte, was mir wirklich nicht geschadte hat...?!
Liebe Grüße und bis bald, Essi