Lohn des Wartens: Ein River Crossing am Mara-Fluss

von Svenja Penzel


Kogatende, 23. August 2021

„Let’s start early tomorrow“, hatte unser Guide Amos am Abend geraten. Die Flussdurchquerungen der Gnus am Mara River finden überwiegend vormittags statt. Und unser Camp liegt etwa eine Fahrstunde vom Mara entfernt. Also gibt es vor dem Start im Camp nur Tee, Kaffee und Kekse, das Frühstück nehmen wir mit. Amos hält heute nicht an jeder Tiersichtung, er hat ein klares Ziel vor Augen. Schneller als sonst fahren wir im Morgenlicht durch die hügelige Landschaft, vorbei an Hunderten friedlich grasender Gnus, die die Savanne bis zum Horizont sprenkeln. Es geht vorbei am Airstrip von Kogatende, dem Tor zur nördlichen Serengeti für alle Flugsafari-Gäste. Hier ist schon Betrieb, und mittlerweile sind einige weitere Fahrzeuge auf derselben Spur wie wir.

Vor uns taucht der Mara-Fluss auf. Und tatsächlich, am anderen Ufer steht eine größere Herde Gnus. Wir parken mit reichlich Abstand vom Fluss, um die Tiere nicht zu stören. Andere Fahrzeuge halten in der Nähe, die Spannung ist greifbar. Drüben, am anderen Ufer, geht Bewegung durch die Herde. Einige Tiere wagen ein paar Schritte die Böschung hinab. Bleiben stehen, kehren wieder um. Ein Teil der Herde bewegt sich mal nach rechts, mal nach links. So geht das eine Weile. Dann setzt sich der ganze Tross in Bewegung. Nach links, und nicht mehr zurück. Amos erkennt, was hier vorgeht, und erklärt: „They move to another crossing point“.

Der nächste Crossing Point, also die nächste für Gnus durchquerbare Stelle im Fluss, bedeutet für uns eine relativ lange Fahrstrecke. Es gibt keinen Weg am Fluss entlang, sondern man muss einen Umweg fahren. Mit uns starten etwa zehn andere Fahrzeuge ihren Motor, der Konvoi setzt sich rasch in Bewegung. Wir sollen uns gut festhalten, bedeutet uns Amos, und fährt zügig über holprige Pisten, durch Senken und kleine Flussläufe, immer in der Hoffnung, den Gnus zuvorzukommen. Weitere Fahrzeuge aus anderen Richtungen stoßen zu uns. Und dann erreichen wir die neue Stelle. Die Gnus stehen schon am jenseitigen Flussufer. Zwischen uns und dem diesseitigen Ufer erstreckt sich eine vielleicht 200 Meter breite Flutwiese. An ihrem Rand wachsen hohe Bäume. Dort parken wir nun, in gebührendem Abstand zu den anderen Autos im Schatten der Bäume, insgesamt mögen es jetzt etwa 20 Fahrzeuge sein. Ein Blick durchs Fernglas zeigt überall gespannte Gesichter.

Noch bis vor ein paar Jahren hatten sich die wartenden Fahrzeuge vorn am Flussufer aufgereiht, manchmal so eng aneinander, dass gar kein Durchweg für die Gnus blieb. So manches Crossing wurde dadurch vereitelt oder brachte die Tiere in Gefahr. Diese Praxis ist mittlerweile verboten. Und so warten wir weiter unter unserem Baum, die Kameras griffbereit. Das Fernglas wandert zwischen uns hin und her. Immer wieder scheint es, die Herde würde aufbrechen, eine Bewegung geht hindurch, doch dann kommen die Tiere wieder zur Ruhe. Die Zeit vergeht. Nach einer weiteren Stunde des gespannten Wartens schlägt unser Guide vor, dass wir frühstücken. Direkt neben unserem Fahrzeug baut er Tisch und Stühle auf, holt Metallboxen mit Essen und Thermosflaschen mit Milch und Kaffee aus dem Kofferraum und richtet alles an. Doch so richtig in Ruhe genießen können wir das leckere Frühstück nicht. Der Blick hängt etwas nervös am anderen Flussufer. Heute ist unsere einzige und letzte Chance auf ein Crossing. Morgen verlassen wir die Serengeti wieder. Uns ist klar, dass es keine Garantie gibt, oft genug haben wir es unseren Gästen schon während der Reiseberatung gesagt. Und oft genug haben Gäste genau so eine Situation erlebt, lange Stunden gewartet, gebannt auf eine große Gnu-Herde am anderen Ufer gestarrt, die dann doch den Weg durch das Wasser scheute. Ein River Crossing bleibt Glückssache.

Wir räumen die Frühstücksutensilien zurück ins Fahrzeug und setzen uns wieder hinein. Eine weitere halbe Stunde vergeht, dann kommt drüben in die Herde eine neue Bewegung. Mehrere Tiere wagen sich die Böschung hinab zum Wasser. Weitere stoßen nach. Dann ist kein Halten mehr. Als die ersten Tiere im Wasser sind und klar ist, dass die ganze Herde folgt, starten alle wartenden Autos gleichzeitig. Amos hatte uns instruiert, uns sehr gut festzuhalten, und was nun folgt, ist Adrenalin pur. Zwanzig oder mehr Fahrzeuge rasen durch die holprige Wiese auf das Flussufer zu, um das Schauspiel aus der Nähe zu sehen. Jeder hofft auf den besten Aussichtsplatz an der Kante, und die Fahrzeuge kommen sich auf der kurzen Fahrt so nahe, dass ich ein paarmal denke, gleich scheppert es. Doch die Guides haben Erfahrung. Nicht nur lassen sie eine breite Gasse für die Gnus, deren Bewegungsrichtung mittlerweile vorgegeben ist, sondern auch ausreichend Abstand zueinander. Und so stehen, schauen, staunen wir. Die vordersten Tiere sind schon in der Mitte des Flusses angekommen. Sie laufen in Reihen von drei, vier Tieren nebeneinander, ein dicker Strom von eng aneinander gedrängten dunklen Leibern, die das Wasser zum Schäumen bringen. Und es drängen immer mehr Tiere nach, die Herde am anderen Ufer scheint stetig noch anzuwachsen.

Wir filmen, fotografieren, strahlen uns an. Minutenlang geht das so. Ein Blick zurück zeigt, dass die Tiere, die es schon geschafft haben, sich wieder in der Ebene verteilen und zur Ruhe kommen. Immer noch reißt der Strom durch das Wasser nicht ab. Ein Stück flussabwärts auf einem Felsen im Wasser liegen Krokodile. Sie scheinen kein Interesse an den Gnus zu haben, sind wahrscheinlich noch vollgefressen vom letzten Mahl. Für sie ist diese Zeit ein Fest.

Wie es scheint, erreichen alle Tiere das andere Ufer unverletzt. Irgendwann haben es auch die letzten über die Kante geschafft. Wir schauen uns ehrfürchtig an. Das war gewaltig. „Wie viele Tiere waren das?“ fragt unser Sohn. Amos überlegt eine Weile. „Mehrere Zehntausend.“

Was für ein Spektakel. Das erste Mal in 25 Safari-Jahren ist mir das vergönnt. Gut möglich, dass ich es nie wieder erlebe. Erfüllt und glücklich setzen wir unsere Pirschfahrt fort. Was wir jetzt noch sehen, ist alles ein Bonus. Die Serengeti ist schon ein fantastisches Fleckchen Erde.

noch keine Kommentare