Kenia in vollen Zügen genießen

von René Schmidt


Mombasa, im Juli 2019

1891 war der Eisenbahnbau von der Küstenstadt Mombasa aus ins Landesinnere schon voll im Gange. Aber die ersten Behelfsgleise für den eigentlichen Bau der Strecke waren unterspült. Und so konnte die amerikanische Forschungsreisende Mary French Sheldon den bequemen Zug nicht nutzen für die ersten sieben Meilen ihrer Entdeckertour.

Da ging es mir 129 Jahre später besser. Die von der einstigen Kolonialmacht England angestrengte Zugverbindung wurde 1899 fertiggestellt. Am Endpunkt des Schienenstranges, 526 Kilometer von Mombasa entfernt, entstand Nairobi, die jetzige Hauptstadt Kenias. Der Bahnbau galt als eine der letzten Glanzleistungen viktorianischer Technik, war aber auch umstritten und erhielt von Kritikern den Beinahmen Wahnsinnsbahn (Lunatic Railway). Auf diesen Gleisen fuhr der Zug von Mombasa nach Nairobi und zurück über 100 Jahre lang, meist als Nachtexpress mit 15 Stunden Fahrtdauer. 

2017 wurde diese „Wahnsinnsbahn“ abgelöst von der neuen Standard Gauge Railway (SGR, Normalspur). Die neuen Gleise liegen überwiegend an der Stelle der alten, an manchen Orten sind die alten Gleise noch sichtbar. Vorangetrieben wurde der Bau mit Hilfe und unter Aufsicht Chinas. So sind moderne Gleisanlagen und futuristische Bahnhöfe entstanden. Der Express-Zug (ohne Zwischenstopps) benötigt für die Strecke von Mombasa nach Nairobi fünf Stunden, der Inter-County (mit insgesamt sieben Zwischenhalten) sechs Stunden.

Der Inter-County startet um 8 Uhr ab Mombasa. Mein Flieger war am frühen Morgen auf dem Flughafen der Metropole am Indischen Ozean gelandet. Ich wollte mal testen, ob es mir gelingt, in zwei Stunden vom Flughafen zum nahegelegenen Bahnhof zu kommen und ein Ticket zu kaufen – gelungen. Mit dem Taxi sind es etwa zehn Minuten Fahrt. Nach Passieren der Sicherheitskontrollen am Eingang des Bahnhofs versorgte mich eine engagierte Ticketverkäuferin mit meinen benötigten Fahrkarten (ich konnte auch alle benötigten Tickets für die nächsten Tage mit kaufen) und schon konnte es losgehen. Empfehlenswert ist aber, alle benötigten Fahrkarten zu den gewünschten Stationen vorab zusammen mit den Safaris zu buchen.

Das neue Gebäude des SGR-Bahnhofs Mombasa Terminus ist rund, mit viel Glas versehen und hat in der Mitte einen Turm. Die Architektur soll eine Welle im Ozean symbolisieren. Über Rolltreppen gelange ich zum Abfahrtsgleis. Auf der Fahrkarte sind die Wagennummer und der Sitzplatz ausgewiesen. Nette Schaffnerinnen in schmucken Uniformen helfen bei der Platzsuche. Pünktlich auf die Minute verlässt der Zug den Bahnhof. Genauso pünktlich erreicht und verlässt der Zug auch alle Zwischenhalte. In jedem Wagen gibt es eine Schaffnerin sowie einen Verantwortlichen für die Sauberkeit (fast ständig wischend von vorn bis hinten und zurück unterwegs) und einen Verkäufer von Getränken und Snacks. Aufgrund der Morgenstunde verzichte ich auf das Tusker-Bier.

Da der neue Bahnhof außerhalb von Mombasa liegt, sieht man (leider?) nichts von dieser Stadt. Es geht erst einmal bergauf, die ersten Höhenmeter von insgesamt 1700 sind zu überwinden. Das Küstenland zeigt Kokosplantagen und Mangobäume. Die erste Station Mariakani erreichen wir schon in einer knappen Stunde. Die Durchsagen im Zug auf Englisch und Suaheli geben auch zu jeder angefahrenen Station eine kleine Beschreibung. So erfahre ich, dass Mariakani „Ort der vergifteten Pfeile“ bedeutet. Der Blick auf die meist parallel zur Bahnlinie verlaufende Hauptfernverkehrsstraße des Landes lässt mich froh sein, im Zug zu sitzen.

Die Bahnstrecke führt weiter durch die heiße Taru-Wüste. Dank voll funktionierender Klimaanlagen in den Wagen bekommt man von der Hitze nichts mit.  Mitten in der Wüste liegt die Stadt Mickinnon Road. Leider ist der Zug zu schnell, um die prunkvolle Sayyid Baghali Shah Pir Padree Moschee gebührend in Augenschein zu nehmen.  Der Zughalt ist erst zehn Kilometer weiter an der Station Miasenyi. Anscheinend im Nirgends taucht dieser futuristische Bahnhofsneubau auf. Rechts der Bahnlinie und dessen Grenze bildend liegt jetzt der Tsavo Nationalpark. Tatsächlich kann ich vom Zug aus Zebras und Giraffen sehen. Das Tor zum Nationalpark ist die Stadt Voi, der nächsten Halt der Eisenbahn. Der Gleisdamm macht hier einen gezogenen Bogen um die Stadt. Vor dem Bahnhof erinnert eine Gedenktafel an den chinesischen Seefahrer Zheng He, der mit seiner Drachenflotte im 15. Jahrhundert die afrikanische Küste erreichte. Die „neuen“ chinesischen Entdecker erinnern an ihren fernen Vorfahren.

Die Landschaft wird hügeliger. Zirka 20 Kilometer nach Voi bildet die Bahnlinie jetzt auch die Grenze des Tsavo West Nationalparks und führt jetzt quasi zwischen den beiden Parks hindurch. Nach weiteren zehn Kilometern erblickt man auf der rechten Seite die Station Tsavo. (Neben den sieben Zwischenhalten auf der Bahnstrecke gibt es zwischen diesen noch ein paar kleinere Stationen, die in der Zukunft von Nahverkehrszügen angefahren werden sollen.) Jetzt gilt es, den Blick nach links zu wenden. Hier kreuzt die alte Bahnstrecke die berühmte alte Eisenbahnbrücke über den Tsavo-Fluss.  Der Bau dieser Brücke hielt die Weiterführung der Bahnlinie fast ein Jahr auf.  Die Arbeiter fürchteten dabei zwei sogenannte Man-Eaters (Menschenfresser) – Löwen, denen mehrere von Ihnen zum Opfer fielen. Dem Bahningenieur Patterson gelang es schließlich, beide Löwen zu erlegen. Daraus entstand der berühmte Film „Der Geist und die Dunkelheit“. Heute erinnern die Namen zweiter Camps, die am Tsavo liegen, an die tragische Geschichte des Eisenbahnbaus: das Man Eaters Camp und das Pattersons Camp. Dort sind die Löwen nun willkommene Fotomotive.

Nächster Bahnhalt ist in Mtito Andei,  was übersetzt Geierwald bedeutet. Wo Geier sind, leben auch viele andere Tiere. Der Ort ist das Tor zum Tsavo West Nationalpark. Vom Bahnhof aus sind es nur ein paar Meter, um über die Hauptverkehrsstraße zum Haupteingang des Nationalparks zu gelangen. Mtito Andei liegt so ziemlich auf der Hälfte der Bahnstrecke und ist somit von Mombasa wie auch von Nairobi aus in zirka drei Stunden zu erreichen. Die Strecke ist weiter hügelig. Zwischen den Chyulu-Bergen und dem Yatta-Plateau liegt die nächste Station Kibwezi. Im Gegensatz zu Mtito Andei liegt das Bahnhofsgebäude mit drei markanten dreieckigen Glasvordächern wieder weit außerhalb der Stadt. Nächster Zwischenhalt auf dem Weg in Richtung Nairobi ist dann Emali. Diese Bahnstation ist Ausgangspunkt für den Amboseli Nationalpark, dem Park mit dem besten Blick auf den Kilimanjaro. Mit ein paar Elefanten davor eines der beliebtesten Fotomotive Ostafrikas. Zu den Lodges im Park kann man sich vom Bahnhof aus abholen lassen oder zum Bahnhof zurückfahren. Bei einer Kombination aus Amboseli und Tsavo West ist es aber besser, die Straßenverbindung zu nutzen. In Mtito Andei kann man dann wieder in den Zug steigen.

Fast schon vor den Toren Nairobis liegt der letzte Zwischenhalt Athi River. Von hier an bildet die Bahn wieder eine Nationalparkgrenze. Der Nairobi Nationalpark ist einer der kleinsten des Landes, bietet aber Zebras und Giraffen, Löwen und Nilpferden eine Heimat. Die neue Bahnstrecke endet an der Stadtgrenze Nairobis. Ähnlich wie in Mombasa ist auch hier der Fernbahnhof nicht weit vom Internationalen Flughafen entfernt. Zum alten Bahnhof von Nairobi fährt eine Pendelbahn auf den alten Gleisen. Ein kurzer Zwischenstopp am Rande der Metropole, und über die südliche Umgehungsstraße ist man dann schnell in Richtung Nationalparks des Großen Afrikanischen Grabens (Lake Nakuru, Lake Naivasha) und weiter zur Massai Mara unterwegs.

Auf der ganzen Fahrstrecke erstaunen mich die modernen Bahnanlagen, die großen Bahnhöfe (Kenias Nachbarländer machten sich lustig und fragten, was macht ihr mit so großen Bahnhöfen, diese scheinen aber auch eine Art Werbung für die Arbeit der chinesischen Erbauer sein), die Freundlichkeit und Korrektheit des Personals, sowie die Pünktlichkeit. Eine neue bequeme Art des Reisens ist in Kenia entstanden für die Einheimischen, denen der Stolz auf „ihre“ neue Bahn von den Gesichtern abzulesen ist. Die Zugverbindungen werden rege genutzt. Auch für Touristen ist der Madaraka Express eine ideale Möglichkeit, um von der Küste aus den Tsavo Ost Nationalpark zu besuchen oder von Nairobi oder Emali (Amboseli Nationalpark) aus an die Strände des Indischen Ozeans zu gelangen.

2 Kommentare

Axel Holka

03.03.2021 um 13:25

Mein letztes geschriebenes ist jedoch jetzt unter Corona nur teilweise gültig. Verbindliche Auskunft ist über Internet schwer möglich.
Dennoch

Axel Holka

03.03.2021 um 13:13

Ja sicherlich ein schöner Zug, doch die Stationen Mombasa und Nairobi sind unfreundlich weit von der City.
Bei dem Neubau ist nicht an die Zukunft gedacht worden, da nur eingleisig. Es fährt nur ein Expresszug täglich und ein normaler Zug, welcher an wenigen Stationen zusätzlich hält. Die schon lange geplante Inbetriebnahme nach Uganda fehlt noch.
Preise Nairobi-Mombasa sehr günstig, eine Fahrkarte 1.Klasse je nach Kurs unter 30€