Im Ballon über Busanga

von Marco Penzel

Busanga Plains, Kafue NP, 19. Oktober 2017

Der Wecker klingelt 4.45 Uhr. Um 5 Uhr gibt es im Shumba Camp Kaffee und Toast. In einigen Minuten wollen wir aufbrechen zur Ballonfahrt über die Busanga Plains. Da kommt Fred, der soeben den Kaffee serviert hat, mit einem traurigen Gesicht in den Frühstücksraum: „Es tut mir leid. Ich habe gerade die Nachricht vom Piloten erhalten, dass er heute nicht starten kann. Es ist zu windig.“ Das war’s dann wohl, Pech gehabt. Nicht umsonst betonen wir bei Outback Africa in der Reisebeschreibung, dass die Ballonfahrt für Gäste des Shumba Camps und des benachbarten Busanga Bush Camps von Wilderness Safaris zwar inklusive aber nicht garantiert ist, da wetterabhängig.

Doch es gibt eine zweite Chance. Bevor am nächsten Vormittag unser Buschflieger zurück nach Lusaka startet, könnten wir es noch einmal versuchen. Also bleibt der Wecker für den nächsten Morgen auf 4.45 Uhr stehen. Und diesmal haben wir Glück, der Ballon kann abheben. Fauchend bläst die Flamme heiße Luft in die riesige Stoffhülle. Acht Passagiere können einsteigen, an jeder Ecke zwei. In der Mitte steht Eric, unser Pilot. Langsam gleiten wir über die erwachende Landschaft. Pukus und Lechwe-Antilopen schauen zu uns herauf. Manchmal sind wir 30 Meter hoch, dann geht Eric wieder so tief, dass unser Korb die Spitzen der längsten Grashalme berührt. Der Wind wechselt immer wieder. Per Funk dirigiert der Pilot die Begleitmannschaft, die uns am Boden folgt. Am Vorabend gab es in der Nähe ein großes Buschfeuer, dessen Rauchschwaden jetzt immer noch über der weiten Ebene von Busanga liegen. Sie verdecken auch die aufgehende Sonne. So ist die Lichtstimmung nicht optimal. Und trotzdem ist es ein unvergessliches Erlebnis. Das gilt auch für die Landung, die Eric „sports landing“ nennt. Das bedeutet, dass der Korb nicht zum Stehen, sondern zum Liegen kommt. Zunächst klettern die Passagiere heraus, die wie ich in den unteren Korbsegmenten gelandet sind, dann die Nachbarn von weiter oben.

Flink packt die Mannschaft Ballon, Korb und Zubehör auf einen Pick-Up. Wir fahren ein Stück im Auto und steuern auf einen Hügel zu, wo ein weiß gedeckter Tisch bereitsteht mit einem Sekt-Frühstück. Stilecht öffnet Eric die Flasche mit einer Machete. Schnell kommt er ins Erzählen. Wir stellen fest, dass wir uns schon einmal begegnet sein müssen – vor Jahren in Namibia. Dort bin ich im Ballon über die Dünen der Namib-Wüste gefahren. Eric ist Gründer und Chef der Firma Namib Sky Balloon Safaris, die die Ballonfahrten in der Nähe von Sossusvlei anbietet.

Für drei Monate im Jahr, von August bis Oktober, überlässt Eric das Unternehmen in Namibia seinem Sohn und kommt mit seiner Frau nach Busanga, der weiten Überflutungsebene im Norden des Kafue Nationalparks von Sambia. Warum? „Weil wir diese Wildnis hier lieben und schützen wollen“, ist seine Antwort. Die Ballonfahrten sollen mehr Gäste in die Wilderness Camps Shumba und BBC locken. Auch Wilderness Safaris macht kaum Profit mit seinen Safaris in Busanga, die auf fünf Monate zwischen Juni und Oktober limitiert sind. Im Rest des Jahres ist der Wasserstand in den Plains zu hoch. Für Gäste ist Busanga dann nicht erreichbar – für  Wilderer dagegen schon. Die Präsenz von Safari-Unternehmen schreckt auch illegale Akteure ab. Kafue ist ein so großes Gebiet, dass die Nationalparkverwaltung allein mit dem Schutz der Wildnis überfordert ist.

Da die Ballonfahrten nur am Morgen möglich sind, hat Eric nachmittags frei. Er nutzt die Zeit für Patrouillen im Park, sammelt Fallen ein und stellt Wilderer. „Wir übergeben sie dann den Behörden, hier habe ich ein paar Bilder.“ Eric zieht sein Smartphone aus der Tasche und zeigt uns Fotos von gesammelten Drahtschlingen und verhafteten Wilderern, inklusive Gewehren und erlegten Tieren. „Meine Frau sagt zwar immer, ich soll das den Gästen nicht zeigen, aber so ist nun mal leider die Realität.“ Auch das Buschfeuer, das uns am Morgen die Lichtstimmung verdorben hat, wurde höchstwahrscheinlich von Wilderern entzündet.

„In der kommenden Regenzeit werden wir erstmals ein Team mit einem Helikopter hier stationieren können“, freut sich Eric. „Anders kann man den Wilderern nicht vernünftig folgen, wenn die Plains überflutet sind.“ Namib Sky, Wilderness und weitere Partner finanzieren die Aktion. Busanga scheint also auf Dauer ein Zuschussgeschäft zu bleiben – sofern man es betriebswirtschaftlich betrachtet. Mit dem sanften Tourismus hat die wilde, weite Landschaft zumindest eine Chance, erhalten zu werden. Jetzt im Oktober sind die Ebenen weitgehend ausgetrocknet. Schon vom Camp aus kann man Pukus und Letchwe-Antilopen in großer Zahl grasen sehen. Wir sind auf den Pirschfahrten zweimal großen Elefantenherden begegnet, haben uns mehrfach über sehr gute Löwen-Sichtungen gefreut, unzählige Kronenkraniche und andere Vögel gesehen. Eine Pferdeantilope habe ich entdeckt, nur die Rappenantilopen mit ihren majestätischen, säbelförmigen Hörnern haben sich mir nicht gezeigt.

Busanga ist also durchaus ein spannendes Safari-Ziel. Im Oktober, wen die Tage heiß werden können, die Nächte dank der Höhenlage aber immer noch angenehm abkühlen, wechseln die Winde häufiger. Das vergrößert das Risiko, dass eine Ballonfahrt aus Sicherheitsgründen abgesagt werden muss. In den Wochen davor sind die Verhältnisse etwas stabiler. „Im August, wenn die Ballonfahrten beginnen, fahren wir über größere Wasserflächen, es sieht dann fast aus wie im Okavango-Delta“, sagt Eric. In diesen Wochen sind auch die klassischen Busanga-Bilder entstanden, auf denen sich am kühlen Morgen der flache Bodennebel ausbreitet, und die Antilopen manchmal nur den Kopf aus der Nebeldecke herausstrecken.

Ab drei Übernachtungen im Shumba Camp oder im Busanga Bush Camp zwischen August und Oktober ist eine Ballonfahrt im Preis eingeschlossen. Gäste anderer Lodges, wie dem Busanga Plains Camp von Mukambi, können auf Anfrage mitfahren, sofern Plätze verfügbar sind. Die Ballonfahrt kostet dann 450 US-Dollar pro Person (Informationsstand 2017).

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