Gorilla-Tracking im Regenwald von Bwindi

von Svenja Penzel

Bwindi, 28.April 2016

Morgengrauen in der Buhoma Lodge am Bwindi Nationalpark, Uganda. Unsere kleine Reisegruppe sitzt am Frühstückstisch und ist auffällig still. Ich habe Hummeln im Hintern und Schmetterlinge im Bauch. Hätte nie gedacht, dass mich diese Anspannung so nervös macht. Aber den anderen scheint es nicht besser zu gehen. Jeder ist in Gedanken versunken. Wird es eine anstrengende Wanderung mit mühsamem Klettern durch den „Impenetrable Forest“, den undurchdringlichen Wald? Oder gehören wir zu denen, die nur eine halbe Stunde auf einem guten Waldweg spazieren und sie dann auf einer Lichtung sehen? Oder gar zu denen, die gar kein Glück haben und unverrichteter Dinge zurückkehren? Die Sichtungschance liegt ja nicht bei 100 Prozent. Aber doch bei weit über 90 Prozent.

Um 7.45 Uhr stehen wir am Office bereit. Drei Gruppen werden heute losziehen und drei verschiedene habituierte Gorilla-Familien besuchen. Drei meiner Mitreisenden und ich werden der Rushegura Group zugeteilt, insgesamt sind wir sieben Touristen. Dann erhalten wir eine Einweisung vom Hauptguide. Wer möchte, kann noch einen Porter mitnehmen. Das ist jemand, der einem den Rucksack trägt (der wegen Proviant, Wasser, Fotoausrüstung und Regenzeug recht schwer sein kann) und einem auf schwierigen Passagen behilflich ist. Das ist eine gute Sache, denn einerseits wandert es sich besser ohne Gepäck und andererseits geht damit auch Geld an die lokale Bevölkerung und man hilft diesen Familien. Mein Porter ist ein alter, freundlicher Mann namens Robert.

Das erste Stück des Weges führt über befestigte Waldwege leicht bergan. Es ist trocken und kühl, die Bewölkung ist hoch und die Stimmung ebenso. Der Regenwald beeindruckt mich sehr. Riesige Farne, kleine Flüsse und hohe Bäume mit Moos und Lianen säumen unseren Weg, auf dem Blätter liegen, die viermal so groß sind wie mein Fuß. Alles ist feucht und glänzt, sicherlich noch vom Regen des Vortags. Unsere Herzen klopfen, als wir vom Hauptweg abbiegen und auf schmaleren Pfaden weiter bergan steigen. Hier kommen unsere Wanderstöcke zum Einsatz. Mein Porter reicht mir hier und da die Hand, wenn es über einen Baumstamm oder über Steine geht. Auf den ersten Gesichtern stehen Schweißperlen. Immer wieder legen wir Trinkpausen ein.

Bei einem dieser Stopps spricht unser Hauptguide über Funk mit den Trackern. Das sind Angestellte des Nationalparks, die schon frühmorgens in den Wald gezogen sind und die Aufenthaltsorte der Gorillas sehr gut kennen. Sie bleiben in der Nähe der Gorillafamilie und wandern mit ihr mit, wenn sie sich weiter durch den Busch bewegt. Sie sind irgendwo über uns. Also verlassen wir den Weg nun komplett und schlagen uns durchs Unterholz. Schlagen im wahrsten Sinne des Wortes. Der Hauptguide hat eine Machete und haut uns eine Schneise, durch die wir uns mühsam den Hang hinauf kämpfen. Da ist es gut, dass wir Gartenhandschuhe tragen, denn manche Baumstämme sind pieksig, und einige Lianen haben Dornen. Dennoch bleiben wir immer wieder mit den Füßen in Schlingen hängen, hakt die Kleidung an Dornen und stoßen wir uns die Köpfe an tiefhängenden Ästen. Robert stapft in seinen Gummistiefeln sicher vor mir her, und ohne seine helfende Hand wäre ich mehrfach gestürzt. Er zeigt mir in dem Dickicht auch, wo ich meinen Fuß hinsetzen kann, und weist mich auf Hindernisse hin. Spätestens jetzt werden die beiden Südafrikaner aus unserer Gruppe bereuen, dass sie keinen Porter wollten. Eine meiner Mitreisenden, nicht mehr ganz jung und nicht ganz schlank, kann nicht mehr. Sie war schon eine Zeitlang von einem Porter gezogen und von einem weiteren geschoben worden, und bei jeder Pause hatten sie ihr mit großen Blättern Luft zugefächelt. Aber jetzt geht gar nichts mehr. Sie ist blass, schweißnass und ihre Beine versagen. Stumm lehnt sie an einem Baumstamm. Bedrückt ziehen wir an ihr vorbei. So ein wichtiger Tag auf ihrer Reise und dann das. Ihr muss zum Heulen zumute sein.

Weiter geht es durch den undurchdringlichen Wald, der seinen Namen zu Recht trägt. Immer wieder Funkkontakt zu den Rangern, Diskutieren der Guides und Porter auf Swahili. „Die Gorilla-Familie ist weitergezogen.“ Oha. Bedeutet das nun eine noch längere Klettertour oder vielleicht doch, dass wir zu dem geringen Prozentsatz ohne Gorilla-Sichtung gehören werden?

 

Erstaunlicherweise fühle ich mich noch ganz gut, so verschwitzt und schmutzig ich auch bin. Die Zeit verschwimmt, während ich mich einfach nur darauf konzentriere, so gut es geht einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Vegetation wird etwas lichter, einzelne Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken. Und bei der nächsten Pause sind auf einmal andere Leute bei uns. Wir haben die Ranger erreicht. Schlagartig fallen alle Strapazen von uns ab und die Gesichter leuchten. Jetzt sind wir wirklich ganz nah dran. Wir sollen alles, was wir für die nächste Stunde brauchen, aus unseren Rucksäcken nehmen, denn die Porter bleiben zurück. Eigentlich brauche ich ja nur die Fotoausrüstung. Danach geht es noch wenige Meter durch den Busch, dann sehen wir den ersten Gorilla. Er sitzt unter einem kleinen Baum und angelt nach Blättern. Der Hauptguide bedeutet uns weiterzugehen. Und dann stehen wir vor der ganzen Familie. Sie hat es sich auf dem Boden gemütlich gemacht. Einige dösen, manche rollen gemächlich herum, kratzen sich, betreiben gegenseitige Fellpflege. Der Silberrücken liegt auf dem Bauch. Und so bleibt er auch während unseres ganzen Besuches liegen. Um ihn herum ist Kuschelzeit. Kinder turnen auf ihren Müttern herum, eins, das auszureißen versucht, wird am Bein festgehalten, ein anderes wird weitergereicht. Sie sind total entspannt, scheinen uns gar nicht wahrzunehmen. Ein jüngeres Tier sitzt etwas abseits und frisst Blätter und Zweige. Die Tiere sind uns sehr nah, wahrscheinlich halten wir nicht einmal den Mindestabstand von sieben Metern ein, aber das ginge wegen des dichten Unterholzes auch gar nicht. Wir Besucher stehen in einer Reihe, tauschen hin und wieder die Plätze, staunen und strahlen. Und dann haben wir noch einmal Grund zum Strahlen, denn die Dame, die unterwegs schlappgemacht hatte, stößt zu uns. Sie hat vor Freude Tränen in den Augen. „Ich kann meinen Portern gar nicht genug danken“, wispert sie, „sie haben mich nicht aufgegeben. Wir haben uns ganz viel Zeit gelassen und sie haben mir gesagt, sie kriegen mich da hinauf.“

Man muss sich manchmal zwingen, die Kamera herunterzunehmen und den Tieren einfach nur zuzuschauen. Wie liebevoll sie miteinander umgehen. Wie puschlig und weich ihr langes Fell aussieht. Wie markant die bernsteinfarbenen Augen, wie versunken ihr Blick. Gut vierhundert Tiere leben noch in Bwindi, das ist etwa die Hälfte der weltweiten Population an Berggorillas. Fünfzehn oder sechzehn davon darf ich heute in Freiheit sehen, was für ein Privileg!

Das Fotografieren ist trotz der Nähe zu den Tieren schwierig. Das Licht ist diffus, die Gorillas sitzen im Unterholz und sind von Zweigen und Blättern umgeben, auf die meine Kamera fokussieren will. Wo ich stehe, ist es wiederum dunkel und ich habe meine Brille nicht auf, daher sehe ich nicht, worauf die Kamera eigentlich fokussiert. Also drücke ich einfach immer wieder ab. Etwas Brauchbares wird schon dabei sein. Und ich mache das eine oder andere Video mit meinem Handy.

Viel zu schnell ist die eine Stunde um, auf die unser Besuch limitiert ist. Wir dürfen die Tiere nicht allzu lange stören. „Schnell jetzt, Kameras wegpacken und Regenjacken an, gleich kommt der Regen!“, mahnt der Hauptguide. Mühsam reiße ich mich los. Und tatsächlich, kaum sind wir angezogen und die Rucksäcke wieder gepackt, öffnet der Himmel seine Schleusen. Ich dachte noch, der Regen in Kibale bei den Schimpansen sei stark gewesen. Das hier stellt alles in den Schatten. Der Regenwald heißt nicht umsonst Regenwald. Im Nu sind unsere Hosenbeine durchnässt, kurz danach auch die besten Wanderschuhe. Heute bleibt kein Socken trocken. Auch meine Regenjacke lässt Wasser durch. Meine Kamera habe ich nochmal extra in eine Plastiktüte gesteckt, was sich als sehr vernünftig herausstellen sollte. Bei jedem Schritt quatscht es, ich habe Pfützen in den Füßen. Der Rückweg den steilen Hang hinunter wird zur Schlitterpartie. Bei einer kurzen Rast kippen unsere Begleiter das Wasser aus ihren Gummistiefeln. Der Regen lässt ein wenig nach, hört aber nicht auf. Wir machen noch einen kurzen Halt an einem Wasserfall, dann haben wir den festen Pfad wieder erreicht. Mittlerweile friere ich ein bisschen und bekomme allmählich Hunger, doch im Regen mag ich die Lunchbox nicht öffnen, außerdem ist es ja nun nicht mehr allzu weit bis zum Startpunkt. Über fünf Stunden sind wir nun unterwegs. Eine weitere Dreiviertelstunde haben wir noch zu laufen, aber der Weg ist jetzt einfach.

Wie schön, die heiße Dusche in der Buhoma Lodge! Meine nassen Sachen habe ich gleich auf der Terrasse gelassen. Dann gönne ich mir eine Massage, die für die Gäste der Buhoma Lodge genauso kostenlos ist wie das Reinigen und Trocknen der nassen Sachen. Was für ein toller Service. Was für ein Tag. Am Abend sitzen wir am Kaminfeuer in der Lounge zusammen, tauschen Geschichten und Fotos aus stoßen auf unser tolles Erlebnis an. Wir sind in Hochstimmung, aber auch zum Umfallen müde.

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