Looking for Mrs Livingstone

von Susanne Schlesinger

In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag von David Livingstone zum 200. Mal (Blogbericht vom April 2013) und sein Name ist für alle Zeiten in der Geschichte der afrikanischen Forscher und Entdecker verewigt. Weniger bekannt war jedoch bisher das Schicksal seiner Frau Mary Livingstone Moffat, die weitestgehend unbemerkt von der Geschichtsschreibung einen großen Anteil am Ruhm ihres Mannes hat. Mit dem Buch „Looking for Mrs Livingstone“, das bisher leider nur in englischer Sprache erschienen ist, will die Journalistin und Autorin Julie Davidson das aufopferungsvolle Leben Mary Livingstones mehr ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Dafür reiste sie nach Malawi, Sambia und Mosambik, um nach Spuren der Livingstones zu suchen und einen Eindruck von Marys Leben in Afrika zu erhalten.Herausgekommen ist ein interessantes und zugleich unterhaltsames Buch mit einer Mischung aus einem Reisebericht, einem Sittengemälde der viktorianischen Zeit, Recherchen in alten Unterlagen und Zeugnissen von Mary Livingstones Liebe zu Afrika.

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau

Dieser Leitspruch gilt nicht nur für Präsidenten-, Manager- oder Fußballerfrauen, sondern hatte bereits im 19. Jahrhundert zweifellos die gleiche Bedeutung.Mary Moffat wird 1821 als erstes Kind des englischen Missionars Robert Moffat und seiner Frau Mary Smith of Dukinfield in Betschuanaland (dem heutigen Botswana) geboren. Mit 18 Jahren trifft sie auf einem Heimatbesuch ihrer Familie in England den jungen schottischen Missionarsanwärter David Livingstone, der nach Kuruman (Botswana) reist. Vier Jahre später treffen sich beide dort wieder und heiraten.Es folgen acht entbehrungsreiche, aber glückliche Jahre, in denen das Paar mehrere Missionsstationen aufbaut und fünf Kinder bekommt. Eins davon wird nur wenige Wochen alt. Zweimal durchquert die schwangere Mary mit ihrer Familie die Kalahari.

Nach der Geburt ihres vierten Kindes erleidet sie mit nur 29 Jahren einen Schlaganfall, erholt sich aber wieder. Ein Jahr später bekommt sie ein weiteres Kind während der Rückreise von der zweiten Expedition zum Chobe und Botetifluss.Mary kann mit vier kleinen Kindern nicht mehr an den immer länger werdenden Expeditionen ihres Mannes teilnehmen. Sie reist 1851 nach England zurück und zieht bis 1856 mehrmals um. Gerüchte machen die Runde, Mary sei Alkoholikerin. Sie kämpft mit der Mühsal des Alltags, ist von der Gunst und den finanziellen Zuwendungen ihrer Freunde abhängig und lebt in ständiger Sorge um ihren Mann. Von ihm kommen nur selten Briefe, die Ereignisse beschreiben, die bereits mehrere Wochen zurück liegen.David Livingstone steigt nach der Erforschung des Sambesi und der Entdeckung der Wasserfälle zur nationalen Berühmtheit auf. Er kehrt 1856 nach England zurück. Ein Jahr lang führt die Familie ein relativ ruhiges Leben, während Livingstone sein Buch „Missionary Travels and Researches in South Africa“ schreibt, das den Weg für den kommerziellen Verkehr und die kolonialen Besiedlung bereiten wird.

Zurück nach Afrika

Sein Abenteuerdrang ist jedoch ungebremst. Mit finanziellen Mitteln durch Königin Victoria ausgestattet, zieht es Livingstone 1858 wieder nach Afrika auf Entdeckungsreisen. Mary entscheidet sich, mit ihrem Mann und ihrem jüngsten Sohn Oswell zum Sambesi-Delta (heute Mosambik) zu reisen. Unterwegs merkt sie, dass sie erneut schwanger ist, und bricht die Expedition in Kapstadt ab. Das sechste Kind kommt im Haus ihrer Eltern in Kuruman zur Welt. Mary kehrt noch einmal nach Schottland zurück. Mit den halbwüchsigen Kindern gestaltet sie ein relativ normales Familienleben in Glasgow. Sie beginnt, den Sinn des Missionierens öffentlich in Frage zu stellen, und leistet sich einige gesellschaftliche Skandale. Dies dringt sogar bis zu Livingstone vor, der von ihr verlangt, nach Afrika zu kommen. 1861 tritt Mary die Reise nach Kapstadt ein letztes Mal an. Drei Monate lang ist sie mit ihrem Mann unterwegs, bevor sie in Chupanga im heutigen Mosambik mit 42 Jahren an Malaria stirbt. Sie wird dort auch beerdigt

 

Beim Lesen des Buches „Looking for Mrs Livingstone“ begegnet der Leser einer starken und zähen Frau, deren Lebensglück so eng mit dem Lebensweg ihres berühmten Mannes verbunden und dabei gleichzeitig so weit entfernt wie Afrika und England ist. Sie ist zerrissen zwischen ihren vielen Herausforderungen als Missionarsfrau und Mutter. Die größte Sehnsucht der intelligenten und loyalen Frau es ist, mit ihrem Mann ein ruhiges und glückliches Leben zu führen und an seinen Erlebnissen teilzuhaben. Auf einer der wenigen Fotografien von ihr wirkt sie ernst, und ihr Blick zeigt eine gewisse Resignation und Schicksalsergebenheit.Mary hat nie den „See der Sterne“ gesehen und war nie an den Victoriafällen. Ihre Sehnsucht nach ihrem Mann und nach Afrika war jedoch so groß, dass sie dafür ihre Kinder aufgab. Unerträglich müssen die Tage und Wochen im kalten England gewesen sein, in denen sie auf Nachrichten ihres Mannes wartete. Vielleicht war dies nur mit Alkohol zu ertragen. Auch der Schlaganfall in relativ jungen Jahren wird ihrer Gesundheit zugesetzt haben. Das Glück der ersten Ehejahre, in denen die beiden zwar arm, aber enthusiastisch von dem Missionsauftrag erfüllt waren, scheint durch David Livingstones Forscherdrang zerstört worden zu sein. Es ist die dunkle Seite der ruhmreichen Geschichte Livingstones, die allzu leicht vergessen wird und die Julie Davidson sehr einfühlsam aufgearbeitet hat.Mary Livingstone Moffat hat diese Anerkennung mehr als verdient.

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