Greystoke und die Schimpansen in Mahale

von Marco Penzel

Greystoke Mahale, 24.11.2011

Etwa 45 Minuten dauert der Flug in einer Cessna Grand Caravan von Katavi nach Mahale. Der Himmel hängt voller Wolken. Durch eine Lücke zwischen den grauen Fetzen ist plötzlich glitzerndes Wasser zu sehen: Lake Tanganyika, das zweitgrößte Süßwasserreservoir der Erde. Der Pilot fliegt eine Schleife zunächst in Richtung der steil aufragenden Berge, dann schwenkt er wieder und unter uns taucht die Landebahn auf. Sie erscheint recht kurz und endet vor dem Seeufer. Die Landung ist etwas hart, aber gelungen. Es sind nur ein paar Schritte bis zum Strand, wo ein hölzernes Boot von Greystoke Mahale wartet. Das Camp ist 90 Minuten Seeweg entfernt. Normalerweise gibt es unterwegs Mittagessen an Bord. Vilbert, der Guide, empfiehlt heute aber, schon vor dem Ablegen zu essen. Auf dem See könnte es etwas zu sehr schaukeln. Er behält recht, die Wellen lassen das kiellose Boot heftig von einer Seite zur anderen schwanken. Bald muss Vilbert die zum Relaxen ausgelegten Matratzen einsammeln und genau wie die Ladung mit einer großen Plane vor der hereinspritzenden Gischt schützen. Ich versuche, den Horizont im Blick zu behalten und hoffe, dass ich nicht seekrank werde. Ich habe Glück, nichts passiert, und am Ende kann ich die Schaukelei sogar ein wenig genießen. Auf einem deutschen Rummelplatz müsste man ziemlich viel Geld ausgeben für einen ähnlichen Effekt. Noch am nächsten Tag, wenn ich die Augen schließe, ist das schwankende Gefühl zu spüren.

Greystoke Mahale Camp

Nach 90 Minuten taucht am Ufer das markante, reetgedeckte Gebäude von Greystoke auf. Das Boot legt am Strand an, Kristen und Mark Vilbert, die Manager, begrüßen mich herzlich. Ich wohne in einem von sechs Chalets mit Blick auf den See. Stühle, Bett und Regale sind aus alten, hölzernen Schiffsteilen gebaut. Ein alter Einbaum ist senkrecht aufgestellt, mit Stufen ausgerüstet und dient nun als Treppe in die obere Etage. Von dort aus ist die Sicht auf den Strand noch ein bisschen besser. Eine Gymnastikmatte und eine Anleitung "Yoga for you" liegen bereit. Das ist dann aber doch nichts für mich.Am Ende des Strandes führen Treppen zu einer Bar, die am Abend mit Laternen beleuchtet ist und über zwei kleine Aussichtsterrassen verfügt, von denen aus man die Sonne über dem See untergehen sieht. Die schemenhaft erkennbaren Berge am gegenüberliegenden Ufer gehören zum Kongo.

Schimpansentracking im Mahale Nationalpark

In der Bar erklären uns die Guides des Camps gemeinsam mit einem Ranger der Nationalparkverwaltung die Regeln für das Schimpansen-Tracking, das am nächsten Morgen starten soll. Die Gene von Schimpansen und Menschen stimmen zu 98 Prozent überein. Die nahe Verwandtschaft macht die Tiere so faszinierend für uns, sie macht sie aber auch sehr anfällig für menschliche Krankheiten. Was für Menschen eine harmlose Erkältung ist, kann für Schimpansen verhängnisvoll sein. Sowohl hier in Mahale als auch im weiter nördlich gelegenen, kleineren Gombe Nationalpark sind schon Affen gestorben, weil sie von menschlichen Besuchern angesteckt wurden. Das ist der Hintergrund für eine Reihe strenger Regeln. Wir müssen Atemmasken tragen, wenn wir uns in der Nähe der Tiere aufhalten. Und wir dürfen uns ihnen nicht weiter als auf zehn Meter nähern.Am nächsten Tag erleben wir, dass die Schimpansen von dieser Abstands-Regel nichts zu wissen scheinen. Und wir sollen in jeder Situation ruhig bleiben, sagen die Guides. "Wenn Du neben einem Baum stehst und ein Affe rennt kreischend auf ihn zu", erklärt der Ranger "dann will er nicht den Besucher angreifen, sondern nur den Baum schütteln, um andere Schimpansen zu beeindrucken." Nach etwa eine Stunde Wanderung durch den Regenwald treffen wir am Morgen auf die ersten Mitglieder der Schimpansen-Gruppe.

Es dauert nicht lange und eines der Männchen springt mir mit lautem Geschrei entgegen, sein Ziel ist allerdings tatsächlich der Baum neben mir. Der Ranger hatte recht, trotzdem schlottern meine Knie gewaltig. Es folgen mehrere geräuschvolle Auseinandersetzungen zwischen den Tieren. Zu unserer Besuchergruppe gehören neben mir noch drei Amerikaner und ein Pärchen aus Kanada. Höchstens sechs Besucher dürfen gleichzeitig zu den Schimpansen gehen. Die Kanadierin steht noch lange auf dem selben Fleck, hat die Hände vor dem Mund gefaltet und schaut sich mit großen Augen um. Der Schreck steckt ihr sichtbar in den Gliedern. Derweil haben sich die Schimpansen längst beruhigt. Einige liegen auf dem Boden, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Das scheint nun die Ruhepause nach dem Frühstück zu sein.

Es geht also aufregend zu bei den Schimpansen. Zurückgekehrt aus dem Regenwald sollte man sich am Nachmittag etwas ausruhen. Am Strand laden Liegestühle zum Sonnenbad ein. Schnorchelausrüstung ist ebenfalls vorhanden, wenn man sich die bunten Fische des Tanganyika-Sees (einige von ihnen sind bei deutschen Aquarianern beliebt) einmal aus der Nähe ansehen möchte. Auch Kajaks liegen bereit für diejenigen, die etwas aktiver sein wollen. Man sollte sich allerdings nicht außer Sichtweite des Camps bewegen. In der Nachbarschaft leben Krokodile und Hippos. Die Flusspferde sind hier im glasklaren See viel sauberer als ihre Verwandten in den schlammigen Pools von Katavi.

Angelausflug auf dem Tanganyika-See

Das Camp bietet Dhow-Fahrten in der Nachmittagssonne an. Dabei kann man auch sein Glück als Angler versuchen, allerdings kassiert die Nationalparkverwaltung in diesem Fall zusätzliche 50 US-Dollar Gebühr pro Person. Das erscheint mir heftig, zumal es sich nicht um Sportfischen handelt. Als Ausrüstung gibt es nur eine auf einem kleinen Brettchen aufgewickelte Angelschnur mit Haken und Blinker. Ein amerikanisches Ehepaar lädt mich ein zu einem kleinen Wettkampf. Der ältere Herr aus Texas, der auf seiner Ranch in Wyoming gerne Forellen angelt, geht dabei zunächst in Führung. Dreimal zieht etwas an seiner Angel, die Guides holen die Schnur ein, doch dann zappelt jeweils nur ein Fisch am Haken, dessen mangelnde Größe ihm das Glück verschafft, zurück in den See geworfen zu werden. Trotzdem triumphiert der Texaner: "Amerika 3, Germany 0". Dann zieht etwas an meiner Leine. Es ist ein zwei bis drei Kilogramm schwerer Yellowbelly, der beste essbare Fisch aus dem See. Deutschland holt also auf, nach Gewicht habe ich Amerika längst geschlagen. Ein weiteres Mal ist meine Leine straff, der nächste Yellowbelly. Das nennt man wohl Anfängerglück. "America needs your help" ruft der Texaner seine Ehefrau herbei, die den Wettkampf bislang von einer Liegematte am Bug der Dhow aus verfolgt hat. Es dauert nicht lange, da zieht sie den dritten großen Fisch an Bord.

 

Wir kehren zurück nach Greystoke. Einer der Fische wird umgehend filetiert. Nicht länger als eine Viertelstunde nachdem er noch im Sand zappelte, ist er zu Sushimi verarbeitet. Mit Essstäbchen angeln wir uns die Filetstückchen aus der Schüssel und tunken sie in Sojasoße und scharfes Wasabi. Frischer kann man Sushimi nicht bekommen - ein Genuss zusammen mit eisgekühltem Wodka oder einem Gin & Tonic zum Sonnenuntergang.

Die Chalets in Greystoke sind nach vorn hin offen, eine Tür gibt es nicht, wohl aber kann ein schwerer Vorhang geschlossen werden. Steve, der Camp-Manager, rät davon ab. Ich finde den Gedanken ebenfalls schön, am nächsten Morgen beim Aufwachen direkt durch mein Moskitonetz auf den Strand zu blicken. Manchmal laufe hier ein Leopard entlang, der aber für Menschen nicht gefährlich sei, sagt Steve. Nach dem Dinner verabschieden sich drei andere Gäste, wir setzen uns noch kurz ans Lagerfeuer. Lange sitzen wir dort noch nicht, als plötzlich alle aufspringen. Steve leuchtet mit seiner Taschenlampe in die Dunkelheit, zwei Augenpaare blitzen auf. Dann springt etwas am Hauptgebäude vorbei in Richtung Toilette. Die tiefen brummenden Rufe lassen keinen Zweifel zu, es waren zwei Leoparden.

"Das eine Tier, ein Weibchen, besucht uns im Schnitt alle zwei Monate. Erstaunlicherweise kommt sie immer samstags als ob sie wüsste, dass an diesem Wochentag das Proviantboot eintrifft, das zwei geschlachtete Ziegen für die Mitarbeiter geladen hat", berichtet Steve. Aber wer war die zweite Katze? Vielleicht ihr Bräutigam? Am nächsten Morgen sehen wir die Leopardenspuren im Sand. Demzufolge war kein großes Männchen dabei, vielleicht eher eines der Kinder der Leopardin, die manchmal für eine gewisse Zeit zur Mutter zurückkehren.Zuerst hatte ich gedacht, der flugplanbedingt auf vier Übernachtungen ausgedehnte Aufenthalt in Mahale könnte langweilig werden. Am Ende ist die Zeit viel zu schnell vergangen. Bei der Rückfahrt ist der See ganz ruhig, das Boot gleitet dahin ohne das große Geschaukel am Ankunftstag. An der Landebahn verabschiede ich mich von den Guides. Der Flug von Mahale in die Serengeti in einer viersitzigen Cessna dauert fast vier Stunden, darin eingerechnet ein zwanzigminütiger Zwischenstopp in Tabora zum Tanken.

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